Hall of Fame

Alle Preisträger

In der Hall of Fame finden Sie alle Preisträgerinnen und Preisträger, die mit einem OPER! AWARD geehrt und ausgezeichnet wurden. Künstler, Häuser, Produktionen und Persönlichkeiten, die für Exzellenz und exzeptionelle Leistungen stehen.

Bestes Opernhaus

Bestes Opernhaus / Best Opera House – Theater Regensburg, Sebastian Ritschel © Sylvain Guillot

Bestes Opernhaus / Best Opera House – Theater Regensburg, Sebastian Ritschel © Sylvain Guillot

Mehr Neues als Bekanntes, umarmende Offenheit statt programmatischer Vorsicht und der unerschütterliche Glaube an die Existenzberechtigung des Musiktheaters in allen seinen Formen, Farben und Ausprägungen: Die Risikobereitschaft des Theaters Regensburg unter seinem Intendanten Sebastian Ritschel ist groß, seine Trefferquote aber enorm. Der Qualität folgt das Publikum, das Vertrauen, der Zuspruch — regional und längst auch bundesweit darüber hinaus. Die stets geforderte, selten konsequent realisierte Erweiterung des immer gleichen Repertoires — in Regensburg findet sie statt! Immer wieder begeisternd auch dank des hervorragenden Ensembles. Innovationen in den Bereichen Partizipation, Zugänglichkeit, Community-Bildung und Nachhaltigkeit zeigen darüber hinaus, wie sich ein Theater unverzichtbar in der Stadtgesellschaft verankern sollte. Keine Frage: Das beste Opernhaus befindet sich unter dem Dach des Theaters — künftig: Staatstheaters — Regensburg!

Bestes Opernhaus / Best Opera House: Théâtre Royal de la Monnaie, Brussels. © Simon Van Rompay

Bestes Opernhaus / Best Opera House: Théâtre Royal de la Monnaie, Brussels. © Simon Van Rompay

Das Théâtre Royal de la Monnaie / De Munt strahlt unter seinem Intendanten Peter de Caluwe eine enorme Anziehungskraft und einladende Offenheit aus, die gleichermaßen die Künstler zu kreativen Höchstleistungen wie das Publikum in die Oper bringt. Auswahl, Anspruch und Ästhetik der Produktionen setzen regelmäßig Maßstäbe und erschließen die Oper auch jungen Generationen. Zugleich ist das Angebot eingebettet in einen umfassend verstandenen Auftrag an ein modernes Opernhaus, auf die Gesellschaft zuzugehen und Signale zu setzen für Nachhaltigkeit und Willkommenskultur. Seit fast 20 Jahren und aktuell in seiner letzten Spielzeit leitet Peter de Caluwe La Monnaie / De Munt auf gleichbleibend hohem Niveau und unvermindert schöpferisch — eine Ausnahme im internationalen Operngeschäft und absolut preiswürdig. Keine Frage: Das beste Opernhaus steht in Brüssel: La Monnaie / De Munt!

Bestes Opernhaus / Best Opera Company: Dutch National Opera

Bestes Opernhaus / Best Opera Company: Dutch National Opera

De Nationale Opera Amsterdam unter ihrer Intendantin Sophie de Lint zeigt in vorbildlicher Weise, wie ein Opernhaus in einer diversen, modernen Stadtgesellschaft Relevanz und Akzeptanz erzeugen kann. Anspruchsvolle Angebote und die passende Ansprache bringen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Prägung und Interessen unter das gemeinsame Dach des Hauses am Waterlooplein. Zugleich bleibt in Programmierung und Wahrnehmung der Identitätskern als Opernhaus im Vordergrund und verankert die Kunstform damit selbst in der Zukunft. Die exzellente Auswahl von Künstlern und ihre passenden Kombinationen für einen weit gespannten Werkkanon aus Raritäten, Klassikern und wirkungsstarken, nachhaltigen Uraufführungen lässt jede Premiere zu einem künstlerischen Erlebnis von ganz besonderem Interesse werden. Ein Haus für die Stadt, das zugleich als überaus souveräner Akteur im internationalen Operngeschäft nicht wegzudenken ist.

OPER! AWARDS 2023, Juror Uwe Friedrich mit Preisträger Heribert Germeshausen (Intendant Oper Dortmund)

OPER! AWARDS 2023, Juror Uwe Friedrich mit Preisträger Heribert Germeshausen (Intendant Oper Dortmund)

Die Oper Dortmund ist unter ihrem Intendanten Heribert Germeshausen in vorbildlicher Weise mit innovativen Formaten wie We DO Opera! auf die Stadtgesellschaft zugegangen und hat sich zugleich zum Thema und Ziel von nationalen wie internationalen Fachleuten und Opernfreunden gemacht. Ein kluger Spielplan aus Raritäten und Bekanntem, das Engagement von herausragenden Sängerinnen und Sängern sowie das in seiner Form einmalige Symposium Wagner-Kosmos zum Komponisten Richard Wagner haben die Oper Dortmund 2022 zur Pflichtadresse für jeden Operninteressierten gemacht.

The Oper Dortmund under its intendant Heribert Germeshausen has opened itself in an exemplary manner towards the town’s civic society through innovative formats such as We DO Opera!, at the same time making itself a subject of interest and a destination for national and international opera professionals and enthusiasts alike. Intelligent programming that includes rarities as well as opera staples, the engagement of exceptional singers and the Wagner-Kosmos symposium, which is unique in this form, have made the Oper Dortmund a must-go in 2022 for everybody with an interest in opera.

Innerhalb kürzester Zeit hat es die neue Intendantin Laura Berman geschafft, die Staatsoper Hannover als interessantestes Haus auf der musikalischen Landkarte zu positionieren. Nicht, dass der stolze Lavesbau und sein künstlerisches Innenleben jemals gänzlich verschwunden gewesen wären. Aber ohne persönliche Eitelkeiten macht Berman Theater für die Stadt, setzt dabei nicht auf vermeintlich große Namen, sondern auf Qualität in der Stückauswahl sowie bei den Regisseuren und Regisseurinnen. Wenn dann auch die musikalische Qualität regelmäßig dermaßen überzeugt wie z.B. bei der Eröffnungspremiere mit Halévys La Juive, ist auch das überregionale Interesse geweckt.

Bestes Opernhaus. Intendant Andreas Homoki, Jury-Vorsitzender Ulrich Ruhnke. Fotograf: Manfred Vogel

Bestes Opernhaus. Intendant Andreas Homoki, Jury-Vorsitzender Ulrich Ruhnke. Fotograf: Manfred Vogel

Nur wenige Opernhäuser ermöglichen ihrem Publikum den Zugang zum Werkkatalog der Kunstgattung Oper in seiner nahezu ganzen bewundernswerten Breite und Vielfalt wie das Opernhaus Zürich. Repertoireverbote wie anderswo gibt es hier nicht. Die hervorragende Spielplangestaltung der Saison 2018/19 war gekrönt durch eine Vielzahl von szenisch, musikalisch wie sängerisch besonders geglückten Produktionen. Eine exzellente Bilanz! Der Spürsinn des Intendanten für neue, innovative Regisseure, die Verpflichtung der Besten der Etablierten und die durchgängig hochkarätigen Sängerbesetzungen mit spannenden Debüts machen das Opernhaus Zürich unter Andreas Homoki zur lohnendsten Adresse.

Beste Sängerin

Beste Sängerin / Best Female Singer – Miina-Liisa Värelä (erkrankt, den Preis nahm stellvertretend Katharina Wagner von den Bayreuther Festspielen entgegen. Wir danken Catherine Foster für ihr spontane Übernahme der musikalischen Darbietung) © Sylvain Guillot

Beste Sängerin / Best Female Singer – Miina-Liisa Värelä (erkrankt, den Preis nahm stellvertretend Katharina Wagner von den Bayreuther Festspielen entgegen. Wir danken Catherine Foster für ihr spontane Übernahme der musikalischen Darbietung) © Sylvain Guillot

Vor acht Jahren ging auf der Insel Fünen ein neuer Stern am Wagner-Himmel auf. Zuerst haben davon nur wenige Aficionados etwas mitgekriegt, aber die waren ganz aus dem Häuschen, schwärmten von warmer Tiefe, lyrischen Bögen und dramatischen Farben: eine ideale Sieglinde! In dieser Rolle debütierte in der dänischen Ring-Produktion eine immerhin bereits 35-jährige Sopranistin aus Helsinki. Sie war schon daheim als Senta und Elsa aufgefallen. Aber von nun an ging es international steil aufwärts. In Glyndebourne debütierte sie als Isolde, in Bayreuth als Ortrud, Petrenko holte sie nach Baden-Baden, Thielemann nach Dresden. In Rom sang diese einmalige Hochdramatische im Herbst erstmalig die Walküren-Brünnhilde, mit der sie demnächst auch in München zu hören sein wird — unsere „Sängerin des Jahres“: Miina-Liisa Värelä.

Beste Sängerin / Best Female Singer: Corinne Winters. © Simon Van Rompay

Beste Sängerin / Best Female Singer: Corinne Winters. © Simon Van Rompay

Manche Werke oder Projekte verlangen extreme Verwandlungen: von der kindlichen, jungen, verliebten Frau hin zur rasenden Furie, Rächerin, Mörderin oder Wahnsinnigen. Was für ein Glück, wenn es Sängerdarstellerinnen gibt, die stimmlich und körperlich diesen Achterbahnfahrten gewachsen sind, das Publikum mitreißen und all diese Emotionen nachvollziehbar machen! So geschehen im Juli in Aix-en-Provence in der Gluck-Doppelpremiere von Iphigénie en Aulide und Iphigénie en Tauride. Zartheit, Verletzlichkeit, Kraft und Härte — all das vereint unsere Sängerin des Jahres auf herausragende Weise in ihren differenzierten und makellos gesungenen Rollenporträts. Ob auf Französisch, Tschechisch, Italienisch — sie ist immer eine Sensation: Ausnahmesopranistin Corinne Winters.

Beste Sängerin / Best Female Singer: Ermonela Jaho

Beste Sängerin / Best Female Singer: Ermonela Jaho

Dass Operngesang mehr verlangt als eine schöne Stimme, ist bekannt, doch selten ist ein Mensch bereit, sein Innerstes dem Publikum über Gesang und Darstellung zu offenbaren. Welch enorme Kraft gerade in Giacomo Puccinis Melodien steckt, welche Abgründe sich hinter zartesten Kantilenen auftun, das erlebt man nur mit einer Interpretin, die sich die Zerrissenheit ihrer Figur, ihre Schwächen und Sehnsüchte mit großer Ehrlichkeit zu eigen macht. In Zürich wurde 2023 aus Puccinis La rondine ein bewegender und beglückender Opernabend mit enormem Tiefgang dank Ermonela Jaho als fulminant gestaltender Magda: trillernde Schwalbe und sterbender Schwan in einem.

Über Nacht, seit ihrem Pariser Einspringen in den Hugenotten 2018, hat sich die Opern-Landschaft durch sie verändert. Die amerikanische Sopranistin Lisette Oropesa hat einen Moment von Leichtigkeit, sogar Grazilität, vor allem aber einen unerhört aromatischen, dabei stilistisch wandelbaren Ton in die Szene eingebracht. Sie vermag sowohl das romantische Repertoire mit leichter Hand zu dynamisieren als auch der Barockmusik saftigere Farben abzugewinnen, als man dies lange Zeit gewohnt war. Bei den Salzburger Festspielen im letzten Jahr war sie eine bewegliche, noch im Wahnsinn leutselige Lucia di Lammermoor. In London verkörperte sie eine magnetisierende Alcina und auf Aufnahmen eine ungeahnt dramatische, zugleich fruchtige Theodora.

Anita Rachvelishvili, die georgische Mezzosopranistin, besitzt und beherrscht eine der größten Opernstimmen seit Jahrzehnten. So überwältigend dimensioniert, dass sie bei ihrer ersten CD hinter dem Orchester stand, um nicht alles zu übertönen. Rachvelishvili versteht es, diese Stimme ganz klein zu machen und den feinsten Noten nachzuspüren. Sie bekennt sich zur alten Schule, getreu dem Satz: „There is no school but old school“. Sie ist die wohl wichtigste Carmen seit Grace Bumbry und Agnes Baltsa. Und die beste Amneris seit Fedora Barbieri. Sie hat den Opern-Mezzo wieder groß gemacht.

Mozart war ihr Fundament. Und sie ist klug genug, noch immer regelmäßig zu diesem zurückzukehren. Vom Typus her verkörpert Joyce DiDonato eine burschikosere — und damit moderne Kategorie von Sängern. Vorbildlich setzt sie sich auch für neuere Musik ein, so etwa für den Komponisten Jake Heggie. Und meistert so den enormen Spagat zwischen Barock, Romantik und Gegenwart. Sie ist die Mezzo-Diva des 21. Jahrhunderts. Was sie auf beeindruckende Art auch mit ihrer Dido in der monumentalen Aufführung von Berlioz’ Trojanern an der Wiener Staatsoper unter Beweis gestellt hat.

Bester Sänger

Bester Sänger / Best Male Singer – Jonathan Tetelman © Sylvain Guillot

Bester Sänger / Best Male Singer – Jonathan Tetelman © Sylvain Guillot

Schallkraft und Eroberungslust, hohe Cs und niedrige Affekte: Der Sänger des Jahres hat seinen Weltruhm auf dem Gebiet des Verismo erlangt. Die Freude, sich für hohe Töne richtig in die Brust zu werfen, so wie er das großartiger versteht als jeder andere Tenor der Gegenwart, beschreibt dieser Sänger so: Es sei, wie wenn man sich beim Skifahren vom Gipfel eines Berges herab auf die Piste werfe. Es mache sogar süchtig. Nach Erfolgen mit Puccini, Giordano und Zandonai sublimiert neuerdings seine Mittel stark – und hat höchst erfolgreich auch lyrischere Rollen wie Werther und Don Carlo gemeistert. Die internationalen Bühnen sind jetzt sein Zuhause, aktuell singt er seinen ersten französischen Faust an der Bayerischen Staatsoper. Der „Beste Sänger“ des Jahres heißt: Jonathan Tetelman.

Bester Sänger / Best Male Singer: Klaus-Florian Vogt. © Simon Van Rompay

Bester Sänger / Best Male Singer: Klaus-Florian Vogt. © Simon Van Rompay

Er ist der hellstimmigste, insoweit strahlendste Wagner-Tenor aller Zeiten. Seine Wagner-Helden nehmen sich schlanker aus, in gewissem Sinne sportlicher denn je. Ein schlichter Draufgänger ist er trotzdem nicht. Nach vielen Jahren als „ewiger“ Lohengrin hat er sich durch Parsifal, Stolzing, Tannhäuser, Siegmund und Tristan aktuell bis zum Siegfried in den beiden letzten Teilen des Ring des Nibelungen vorgearbeitet. Zwei Rollen, mit denen er an der Oper Zürich szenisch debütierte, um sie im vergangenen Jahr auch bei den Bayreuther Festspielen zu singen. Er ist der Beweis dafür, dass es nach Äonen noch immer Neuigkeiten am Wagner-Himmel gibt: Klaus Florian Vogt.

Bester Sänger / Best Singer: Michael Spyres

Bester Sänger / Best Singer: Michael Spyres

Die Stimme von Michael Spyres besitzt metallische Force, Schlankheit, Frische und einen gleichsam sandstrahlhaft weichen Schmelz: absolut einzigartig unter den Tenören der Jetztzeit. Auch hat kaum je ein Sänger vor ihm gezeigt, dass die Tenorrollen von Hector Berlioz einen eigenen Stimmtypus verlangen. Und dass man auf Partien wie Faust, Benvenuto Cellini und Énée in Les Troyens eine Karriere aufbauen kann. Inzwischen ist Michael Spyres so dramatisch geworden, dass seine Stimme zeitweilig an Jon Vickers erinnert — und er Rollen wie Lohengrin angeht. Ein einzigartiger Weg.

Im Auge des Tornados einer Berliner Neuproduktion von Wagners Ring des Nibelungen, inszeniert von Dmitri Tcherniakov, schien ein Sänger sich nur umso ruhiger zu entfalten und zu Bestform aufzulaufen. Der deutsche Bariton Michael Volle ist bereits seit Jahren führend als Holländer, Hans Sachs und Wotan. Mit unendlichen Kraftreserven vermag er sogar Lyrik in seinen Partien zu entdecken. Dabei knüpft er an große Vorgänger wie Hans Hotter, Rudolf Bockelmann und Hermann Uhde an. Dass er das italienische Fach nicht vernachlässigt, hat seiner Farbpalette nur genützt. Michael Volle präsentiert sich derzeit auf dem Wagner-Höhepunkt seines Könnens.

Benjamin Bernheim ist Franzose, in der Schweiz aufgewachsen und ausgebildet, im Zürcher Opernensemble gereift. Dann durfte er sich in Salzburg in kleineren Tenor-Rollen profilieren, seit knapp zwei Jahren startet der Mitdreißiger international durch. Im französischen Fach ist er formidabel. Dafür ist diese höhenstarke lyrische Stimme prädestiniert. Durch die sensible Sprachbehandlung wie durch ihre metallische Durchschlagskraft und eine technisch feine voix mixte. So singt er gegenwärtig besonders den Gounod-Faust, den er berückend schön für die Aufnahme beim Label der Stiftung Palazzetto Bru Zane in der Urfassung eingespielt hat, und Massenets Des Grieux als stilvolle Offenbarung.

Als Lohengrin, letztes Jahr in Bayreuth und zuvor schon an der Semperoper Dresden, hat er den womöglich größten, jedenfalls erstaunlichsten Schritt in seiner Karriere vollzogen: vom lyrischen Tenor zum vielleicht lyrischsten Heldentenor aller Zeiten. Piotr Beczała war immer ein Künstler im allerobersten Segment internationaler Opernsänger – ein Tenor in der indirekten Nachfolge von Jan Kiepura. Durch seinen Bayreuther Lohengrin ist er Kult geworden.

Beste Dirigentin / Bester Dirigent

Bester Dirigent / Best Conductor – Gianluca Capuano © Sylvain Guillot

Bester Dirigent / Best Conductor – Gianluca Capuano © Sylvain Guillot

Ein italienischer Dirigent, der neben Orgel, Komposition und Dirigieren auch in Freiburg Philosophie studiert hat, ist an sich schon eine Seltenheit. Seit einigen Jahren überrascht er die Klassikwelt sowohl als Leiter des von ihm gegründeten Vokalensembles Il Canto di Orfeo als auch als Chefdirigent der Musiciens du Prince — Monaco mit herausragenden historisch informierten Interpretationen. 2025 hat er so erstmals Richard Wagners Rheingold am Opernhaus von Monte-Carlo überzeugend aufgeführt: authentischer Orchesterklang, Textverständlichkeit und Gespür für die Gesangslinie. In Salzburg bei den Pfingstfestspielen folgte mit Hotel Metamorphosis die nächste Sensation: ein neues Opernpasticcio von Regisseur Barrie Kosky aus Kompositionen von Antonio Vivaldi, die unser „Dirigent des Jahres“ federführend kuratiert hat: Gianluca Capuano.

Bester Dirigent / Best Conductor: Pablo Heras-Casado. © Simon Van Rompay

Bester Dirigent / Best Conductor: Pablo Heras-Casado. © Simon Van Rompay

Eigentlich ist es die Aufgabe eines Dirigenten, Zeitabläufe sinnvoll zu organisieren. Das wird im Influencer-Zeitalter oft übersehen. Einer der wenigen Großen seines Fachs ohne festes Orchester, weltweit gefragt, hält den Aspekt des Handwerks noch immer hoch. Er war nie ein Spezialist, auch wenn man ihn irrtümlich dafür hielt. Vielmehr: Libero, mit enormer musikrhetorischer Vielseitigkeit. Profiliert sowohl in historischer Aufführungspraxis als auch in der zeitgenössischen Musik, sowohl im Operngraben als auch auf dem Konzertpodium; bewandert im deutschen Repertoire wie auch im italienischen, französischen und spanischen, brachte er 2024 den Mitschnitt seines fulminanten Bayreuth-Debüts mit Parsifal heraus. Und arbeitet zur Zeit in Paris an seiner zweiten Ring-Produktion: der einzigartige kühl-klar-sinnliche Pablo Heras-Casado.

Wer als Kind von Opernsängern aufwächst, Klavier, Violoncello und Fagott spielt und dann auch noch über ein außergewöhnliches Instrument in seiner Kehle verfügt, der hat der Gottesgaben vermeintlich bereits genug. Aber wer so viele Stimmen in sich singen hört und die Musik in allen Formen liebt, ist auch zum Dirigieren bestimmt. Es gehört ein langer Atem dazu, sich als arrivierte Sängerin international auch vor namhaften Orchestern zu behaupten, aber den hat Nathalie Stutzmann berufsbedingt mitgebracht. Für ihr herausragendes Debüt am Pult des Festspielorchesters mit Richard Wagners energiegeladenem Tannhäuser bei den Bayreuther Festspielen 2023 erhält sie den OPER! AWARD als beste Dirigentin.

Der Intendant und Regisseur Andreas Homoki hatte ihn als Dirigenten für seinen neuen Ring des Nibelungen am Opernhaus Zürich vorgesehen — doch Gianandrea Noseda wollte erst nicht, überlegt es sich dann aber anders. Ein Glücksfall, denn Noseda begeistert Publikum und Kritik gleichermaßen mit seinem frischen Blick auf die monumentale Partitur. Wagners „vaterländischer Belcanto“ bleibt nicht bloße Behauptung, sondern wird zum lichten Klang und zur tatsächlich gesungenen Erzählung. Dass Noseda das italienische Opernrepertoire beherrscht, ist schon lange bekannt, ebenso sein Händchen für französische und russische Opern. Nun zeigt er sich auch als Wagner-Könner am Zürichsee von seiner besten Seite.

Ihr Arbeitspensum bis zur ersten Schließung der Theater im Frühjahr war beachtlich: Oksana Lyniv bereitete als scheidende Generalmusikdirektorin in Graz Weinbergs Passagierin vor, debütierte an der Berliner Staatsoper mit Cherubinis Medea und leitete die außergewöhnlich fein durchleuchtete Bartók-Doppelpremiere an der Bayerischen Staatsoper. Schonungslos bis einfühlsam und dadurch packend gestaltete sie mit dem Bayerischen Staatsorchester die von Traurigkeit und Unergründlichkeit geprägte Musik des ungarischen Komponisten. Ernsthaft, energisch und exakt arbeitet diese herausragende Dirigentin.

Am Theater Erfurt brachte sie mit straffer Hand, glasklarer Schlagtechnik und bemerkenswertem Stilwillen das städtische Orchester auf Vordermann, mittlerweile ist sie die Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg. Selbstverständlich wird bei Joana Mallwitz immer wieder auch ihr Geschlecht erwähnt, Dirigentin, Generalmusikdirektorin, Zeugin einer neuen Zeit auf dem Dirigentinnenpult. Aber sie braucht diesen Hinweis gar nicht, braucht keinen Bonus, weil sie ein Mensch ist, der akribisch dafür arbeitet, dass alle gemeinsam am Abend im Opernhaus das Beste auf die Bühne bringen.

Beste Regisseurin / Bester Regisseur

Bester Regisseur / Best Director – Barrie Kosky © Sylvain Guillot

Bester Regisseur / Best Director – Barrie Kosky © Sylvain Guillot

Dieser Regisseur ist immer sehr gut, oftmals auch fantastisch. Dieses Mal hat er sogar mehr als Regie geführt. Er war entscheidend an der Handlungsentwicklung jener klug gelungenen Instant-Oper beteiligt, die das Melodiengenie Antonio Vivaldi in einen modern dramatisierten, ja philosophisch gewürzten Handlungsfluss nach den mythologischen Klassikern Ovids brachte, alles in einem Durchgangsraum auf Zeit. Auch das Publikum der Salzburger Pfingstfestspiele folgte begeistert seiner Einladung ins Hotel Metamorphosis, wo er vier wunderbare Sängerpersönlichkeiten glänzen ließ. Deshalb ist der OPER! AWARDS „Regisseur des Jahres“ the one and only Barrie Kosky.

Bester Regisseur / Best Director: Tobias Kratzer. © Simon Van Rompay

Bester Regisseur / Best Director: Tobias Kratzer. © Simon Van Rompay

Als Regisseur hat er gerade einen Lauf. Alle vier seiner Operninszenierungen des Jahres 2024 waren Volltreffer. An der Bayerischen Staatsoper erzählt er Weinbergs Die Passagierin als Kreuzfahrtdrama mit Albtraum-Surrealismus. Richard Wagners Rheingold am selben Haus ist ein bildgewaltiges Nachdenken über das Allzumenschliche in Religionen, Liebesgesang an den Bühnen Bern ein erschütternder Blick auf Menschen in Extremsituationen. An der Deutschen Oper Berlin entdeckt er in Richard Strauss’ Intermezzo die bedrängte Frau hinter der Xanthippe. Das gelingt ihm jeweils überraschend, klug, vielschichtig, überzeugt mit Details, Witz und genauer Figurenführung. Die Auszeichnung für den besten Regisseur geht daher an den künftigen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper: Tobias Kratzer.

© Michel Schnater. Manuel Brug, Mitglied der Jury, und Lydia Steier - BESTE REGISSEURIN

Beste Regisseurin / Best Director: Lydia Steier © Michel Schnater

Die in Deutschland lebende US-Amerikanerin Lydia Steier hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Opernregisseurinnen entwickelt. Schon 2016 sorgte sie in Basel mit Stockhausens Donnerstag aus Licht in eigenwilliger Interpretation für Furore. 2023 zeigte sie in Verdis Don Carlos am Grand Théâtre de Genève auf berückende Weise die ewigen menschenfeindlichen Mechanismen eines Überwachungs- und Spitzelstaates. Ein berückender Abend, exzellent gearbeitet. In der Frankfurter Aida stellte sie sich dem großen Neuenfels-Schatten. Eben suchte sie in Wien die beste aller Candide-Welten.

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Claus Guth

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Claus Guth

Claus Guth hat einen wiedererkennbaren Stil, ist viel gefragt, auch international. Da besteht die Gefahr der Wiederholung. 2022 sind ihm jedoch vier vollkommen unterschiedliche Inszenierungen geglückt. Eine surreal verwehte Sache Makropulos an der Berliner Staatsoper, in der Emilia Marty zwischen diversen Räumen eine Eiskammer für ihre Rekonvaleszenz als Untote braucht. Und ein schlichter, stimmungsstarker, politischer wie emotionaler Don Carlo als Verdi-Fest in Neapel. Ein besonderes Händchen beweist Guth bei Zeitgenössischem, so in einem dunklen und kühlen, doch dabei stets an der Emotionalitätsschraube drehenden Bluthaus von Georg Friedrich Haas im Münchner Cuvilliés-Theater und bei der Uraufführung von Pascal Dusapins Oper Il viaggio, Dante in Aix-en-Provence, der er einen subversiven Revue-Look verpasste.

Das braucht das Musiktheater dringend: cleveres, kluges Deutungs-Entertainment. Tobias Kratzer samt Team für Bühnenbild und Kostüme erfüllt dieses Desiderat ganz wunderbar, weil er fleißig ist, originell, bühnenpraktisch und immer für eine Überraschung gut. Weil er sein Handwerk kennt und kann, aber trotzdem ein Kind von heute und kein Primadonnen-Nerd ist. So bekommt die gute alte Oper ein schickes neues Kleid, in dem sie würdevoll aussieht, das aber etwas zu bedeuten hat. Auf der Höhe der Zeit, mit unseren Themen und einer Visualisierung von heute. Ob in Frankfurt mit Verdis Macht des Schicksals, in Bayreuth mit Tannhäuser, in Lyon in Wilhelm Tell oder im Londoner Fidelio.

Bester Regisseur / Best Director: Frederic Wake-Walker

Bester Regisseur / Best Director: Frederic Wake-Walker

Frederic Wake-Walker ist Regisseur, Produzent und Kurator von Opern und multidisziplinären Künsten. Er arbeitet modern, aber nicht bilderstürmerisch: Bei ihm erkennt man die Stücke wieder, aber man erkennt immer auch, wie sehr er sich Gedanken macht, sie im Hier und Heute zu verankern, selbst wenn er sie scheinbar historisch ausstatten lässt. Eine witzig-sprudelnde Ariadne auf Naxos an der Mailänder Scala und ein ergreifend einfacher Peter Grimes an der Oper Köln sind dafür eindrückliche Beweise.

Bestes Orchester

Bester Orchester / Best Orchestra – Staatskapelle Berlin © Sylvain Guillot

Bester Orchester / Best Orchestra – Staatskapelle Berlin © Sylvain Guillot

Und sie haben doch richtig gewählt! Nachdem das Orchester des Jahres jahrzehntelang in den Händen eines überragend prominenten und führungsfreudigen Maestros Weltgeltung erreichte, schien die Entscheidung für einen deutschen Dirigier-Superstar als Nachfolger eher streitbar — ja riskant. Kann das gut gehen? Nahezu die gesamte Branche sah Ärger voraus. Doch die Leistungen bei Wagner und Strauss sind auf den ersten Metern der neuen Zusammenarbeit so überzeugend und zeigen das ehemals „Erste Orchester von Ost-Berlin“ in so glorioser, neuer Verfassung, dass dies ausgesprochen und gehört werden muss. Für die Wiederausgrabung einer erstaunlichen Schweigsamen Frau von Richard Strauss an der Berliner Staatsoper wird als „Orchester des Jahres“ gekürt: die Staatskapelle Berlin.

Bestes Orchester und Bester Chor / Best Orchestra and Best Choir: Ensemble Pygmalion, here Raphaël Pichon. © Simon Van Rompay

Bestes Orchester und Bester Chor / Best Orchestra and Best Choir: Ensemble Pygmalion, here Raphaël Pichon. © Simon Van Rompay

Wer als Dirigent neue Klangwelten schaffen will, gründet am besten sein eigenes Orchester und seinen eigenen Chor und erweckt damit neue oder alte Kunst zum Leben. Darum ist auch der altgriechische, sich in sein eigenes Werk verliebende Künstler als Namenspatron bestens gewählt. Seit 2006 bereichert Raphaël Pichon mit seinen Klangkörpern die historisch informierte Aufführung barocker, klassischer und auch romantischer Werke und schafft Neues durch Rekonstruktion, Collage oder Verbindung von Musikwerken. Ein Musiktheater-Erlebnis der besonderen Art wurde 2024 in Aix-en-Provence die Uraufführung des Opern-Traums Samson mit Musik von Rameau, dem unser Orchester und Chor des Jahres auch durch ihren Namen eng verbunden sind: Pygmalion.

© Milan Gino. Andre Comploi vom Teatro alla Scala - BESTES ORCHESTER

Sogar Donizetti-Fachleute waren überrascht von den dunklen Farben, die das Orchester der Mailänder Scala mit Riccardo Chailly in Lucia di Lammermoor entdeckte — Belcanto nicht als Diven-Vehikel mit demütiger Begleitung, sondern als abgründiges Sozialdrama, das vom Orchester getrieben wird. Unvergessen sind die sinnlichen Klänge in der Uraufführung von Kurtágs Fin de partie. Ob jüngst Montemezzis L’amore dei tre re oder das monumentale deutsche Repertoire: Das Orchester spielt immer ausgehend von der italienischen Musiktradition, also von den Möglichkeiten der menschlichen Stimme her gedacht.

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Eva-Maria Tomasi von den Berliner Philharmonikern

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Eva-Maria Tomasi von den Berliner Philharmonikern

Ohne Orchester keine Oper, rollt es doch die Klangbasis für die Sänger und Sängerinnen aus und ermöglicht so erst die wirkungsvolle Entfaltung der Stimmen. Und was war das für ein edel geknüpfter Teppich, den die Berliner Philharmoniker in Tschaikowskys Pique Dame unter die Sängerfüße webten: eine klanglebendige, spontane und frische Partitur-Exegese! Plastisch gezeichnet und stilrein tönte es da aus dem Orchester, das mal luxurierend schön, mal schroff gehärtet klang, das ebenso grell gleißen als auch innig schwelgen kann. Und so kitzelten die Musiker und Musikerinnen jedes noch so kleine Detail aus dieser Wunderpartitur.

31 abgesagte Konzerte seit April 2020, keine Opernvorstellungen mehr, und dann am 1. August ein Wiederhören mit großem Knall und Modellcharakter: Elektra-Premiere bei den Salzburger Festspielen unter Franz Welser-Möst. Was für eine Kraft, was für ein Signal für die geknebelte Opernwelt! Konsequent getestete Musiker erkämpfen sich als eigenes Kollektiv ihr Spielrecht ohne Sicherheitsabstände. Hier ging es spürbar um alles. Einen Abend später legten sie noch einmal nach mit der ebenfalls grandiosen Produktion von Mozarts Così fan tutte unter Joana Mallwitz.

Die Bayerische Staatsoper gehört fraglos zu den Top-Adressen weltweit: Kein anderes deutsches Opernhaus strahlt mit solcher Selbstverständlichkeit einen solchen Glanz aus. Und Oper entscheidet sich noch immer über die Musik — und auch da ist München top: Das Bayerische Staatsorchester verfügt nicht nur über die Virtuosität und Stilsicherheit für Wagner und Strauss, die Hausheiligen am Max-Joseph-Platz, sondern auch den richtigen Ton für Donizetti und Rossini, für Bernd Alois Zimmermann oder die Meisterwerke des Barock. Ein Ausnahmeklangkörper, der einfach alles zu können scheint.

Bester Chor

Bester Chor / Best Choir – Alberto Malazzi, Coro del Teatro alla Scala © Sylvain Guillot

Bester Chor / Best Choir – Alberto Malazzi, Coro del Teatro alla Scala © Sylvain Guillot

Ein Chor muss natürlich immer so gut sein wie das Opernhaus, an dem er arbeitet. Aber wenn er darüber hinaus nicht nur in einem Standardwerk wie etwa Giuseppe Verdis so langer wie wirrer La forza del destino als Mönche wie Marketenderinnen bejubelt wird, sondern auch souverän in einer komplexen Uraufführung wie Il nome della rosa von Francesco Filidei glänzt, schon wieder in Kutten, und wenn er sich zudem souverän einen ganzen Abend auch durch unbekanntere Verdi-Opern vokalisiert, wie unter Riccardo Chaillys Leitung beim Lucerne Festival, dann kann der „Chor des Jahres“ bei den OPER! AWARDS 2026 nur einer sein: der Coro del Teatro alla Scala unter seinem Chef Alberto Malazzi.

OPER! AWARDS 2025 - Raphaël Pichon © Marin Driguez

OPER! AWARDS 2025 – Dirigent Raphaël Pichon © Marin Driguez

Wer als Dirigent neue Klangwelten schaffen will, gründet am besten sein eigenes Orchester und seinen eigenen Chor und erweckt damit neue oder alte Kunst zum Leben. Darum ist auch der altgriechische, sich in sein eigenes Werk verliebende Künstler als Namenspatron bestens gewählt. Seit 2006 bereichert Raphaël Pichon mit seinen Klangkörpern die historisch informierte Aufführung barocker, klassischer und auch romantischer Werke und schafft Neues durch Rekonstruktion, Collage oder Verbindung von Musikwerken. Ein Musiktheater-Erlebnis der besonderen Art wurde 2024 in Aix-en-Provence die Uraufführung des Opern-Traums Samson mit Musik von Rameau, dem unser Orchester und Chor des Jahres auch durch ihren Namen eng verbunden sind: Pygmalion.

© Michel Schnater. BESTER CHOR - The Monteverdi Choir

© Michel Schnater. BESTER CHOR – The Monteverdi Choir

Das Kollektiv macht bei Festivals, auf Konzerttourneen und in seinen zahlreichen Aufnahmen immer wieder sprachlos ob seiner Qualität. Längst haben die Sängerinnen und Sänger die Gefilde des Namensgebers und Mit-Erfinders der Oper verlassen und bewegen sich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Ob Barock, Klassik oder Romantik, stets singen sie stilsicher abgestimmt auf die Erfordernisse der Epoche. Dass sie neben religiöser Innerlichkeit auch die große Operngeste beherrschen, haben sie immer wieder unter Beweis gestellt, in Les Troyens von Hector Berlioz ließen sie uns erneut glücklich staunen.

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Preisträger des Slowakischen Philharmonischen Chors

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Preisträger des Slowakischen Philharmonischen Chors

Bei Tschaikowskys Pique Dame, wie sie Kirill Petrenko letztes Jahr in Baden-Baden und Berlin mit seinen Philharmonikern grandios plastisch aufgeführt hat, wurde wieder einmal deutlich: Dieses so russische, aber eben auch der Weltkultur zugehörige und deshalb mitnichten bannenswerte Werk gehört zu den ganz großen Choropern, vor allem für die Herren. Und der wunderbare, ebenso volltönend wie ausgewogen klingende Slowakische Philharmonische Chor aus Bratislava, 1946 als Chor des Rundfunks gegründet, seit 1957 der Slowakischen Philharmonie angegliedert, hat darin einmal mehr bewiesen, dass er zu den führenden Opern- und Konzertchören des europäischen Musiklebens gehört und von den allergrößten Dirigenten geschätzt wird. Oftmals nur als Zusatzchor engagiert, konnte er diesmal allein und preiswürdig glänzen.

Eine Oper im Ausweichquartier fordert Flexibilität und Kreativität von allen Mitarbeitenden, und an der Oper Köln hat sich in dieser außergewöhnlichen Spielzeit besonders der Opernchor in den sich ständig verändernden räumlichen und akustischen Bedingungen der Ersatzspielstätte Staatenhaus durch konstant hohes musikalisches Niveau hervorgetan. In Verdis Trovatore lediglich aus dem Off zu glänzen, ist eine besondere Leistung, ebenso wie sich in Brett Deans Hamlet in aufgesplitterten Gruppen ständig über die Bühne zu bewegen. Der Chor der Oper Köln hat Vielseitigkeit und starke Präsenz bewiesen.

Über Vielseitigkeit verfügt auch das andere künstlerische Kollektiv der Bayerischen Staatsoper: Ob Krenek oder Verdi, Wagner oder Donizetti, nichts scheint diesem Chor zu schwer, nichts auch unter seiner Würde. Denn Chorsänger, die sich in den philosophieträchtigen deutschen Musikdramen zu Hause fühlen, könnten schnell einen Bellini oder Rossini auf die leichte Schulter nehmen. Nicht so beim Chor der Bayerischen Staatsoper: Hier wird alles mit derselben künstlerischen Ernsthaftigkeit vorgetragen – und mit einem charakteristischen, herausragenden Chorklang.

Beste Uraufführung

Beste Uraufführung / Best World Premiere – Francesco Filidei und Hanna Dübgen © Sylvain Guillot

Beste Uraufführung / Best World Premiere – Francesco Filidei und Hanna Dübgen © Sylvain Guillot

Einen erfolgreich verfilmten Weltbestseller als neue Oper zu präsentieren ist wagemutig, auch wenn der beauftragte italienische Komponist bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Die Mailänder Scala hat es gewagt und ein dreistündiges, opulentes Werk bekommen, das sich in der kongenialen Zusammenarbeit von Regieteam, Besetzung und Komponist zu einem mitreißenden Opernerlebnis entwickelte. Grusel, Erotik, Witz, Romantik, Historie und Zeitgenössisches vereinten sich dank erstklassiger Interpretation durch Chor und Orchester des Hauses unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher mit einer perfekt besetzten Solistenriege. Damiano Michielettos Inszenierung von Francesco Filideis musikarchitektonischem Meisterwerk ist die „Uraufführung des Jahres“: Il nome della rosa an der Mailänder Scala.

Beste Uraufführung / Best World Premiere: „Die Jüdin von Toledo“, hier Librettist Hans-Ulrich Treichel. © Simon Van Rompay

Beste Uraufführung / Best World Premiere: „Die Jüdin von Toledo“, hier Librettist Hans-Ulrich Treichel. © Simon Van Rompay

Eine Oper mit Arien, Ensembles und großen Chorszenen, wann hat man so etwas Traditionsbewusstes heute schon noch? Die Handlung um eine verfolgte Minderheit ist ebenso historisch wie politisch tagesaktuell. Die zwischen großen Emotionen und Staatsraison schillernde Orchestrierung wurde von der Sächsischen Staatskapelle unter dem Dirigenten Jonathan Darlington virtuos umgesetzt. Robert Carsen inszenierte das Auftragswerk der Semperoper Dresden ebenso klug wie effektvoll, Heidi Stober brillierte als verzweifelte Titelheldin, Christoph Pohl war der schwache König, der ihren Untergang verschuldet. So wurde sie zum Glücksfall: Detlev Glanerts Die Jüdin von Toledo.

© Milan Gino. Jan Henric Bogen, Operndirektor des Theaters St. Gallen, mit dem Team von Lili Elbe, BESTE URAUFFÜHRUNG

Eigentlich eine uralte Musiktheater-Sache: Transgender auf der Musiktheaterbühne sind fast so alt wie die Oper. Aber noch nie wurde diese in den letzten Jahren gesellschaftspolitische Thematik abendfüllend, groß und so gekonnt berührend vertont, wie in Lili Elbe von Tobias Picker, mit dem das Theater St. Gallen mutig sein renoviertes Haus neu eröffnete. In ihrer Darstellung einer der ersten Personen, die sich einer Geschlechtsangleichung unterzogen hatte, setzte vor allem die Baritonistin Lucia Lucas dieser historischen Figur ein klingendes Denkmal, in dem sich auch Selbsterlebtes widerspiegelt.

Diesmal überlebt Eurydice, und Orpheus liegt tot zu ihren Füßen. Haben wir den Mythos immer falsch erzählt? Das glaubt jedenfalls der Komponist Manfred Trojahn mit seiner Neuerzählung des uralten Stoffs an der Oper Amsterdam. Spielt Eurydice bloß eine Rolle, oder zeigt sie ihre wahre Persönlichkeit? Der Bewusstseinsstrom ruckelt und stockt wie ein Zug, der über ausgefahrene Gleise und alte Weichen fährt. Ein Zugschaffner spielt eine wichtige Rolle in der „Handlung“, die traditionsbewusst an Wagners Tristan und Isolde erinnert. Wenig äußerliche Aktion, dafür eine psychologische Tiefenbohrung, die beim Regisseur Pierre Audi und dem Dirigenten Erik Nielsen in den besten Händen liegt. Eine Zugreise in die Vergangenheit, bei der einem um die Zukunft der Oper nicht bange wird.

In Brüssel überraschte Pascal Dusapin am Théâtre de la Monnaie mit seiner Shakespeare-Paraphrase Macbeth Underworld. Den kurzen, intensiven Abend hat der Regisseur Thomas Jolly in Geäst und Dunkelheit getaucht, von hartweißen Diskolichtern durchzuckt. Schick sieht das aus, und mit einer Portion Musical-Ironie würzen Jolly wie Dusapin diesen schottischen Operntanz der Vampire. Mr. wie Mrs. Macbeth, die wunderbaren Charaktervokalkomikertragöden Georg Nigl und Magdalena Kožená, schlurfen als Mördergespenster durch die Szene. Das ist so komisch grotesk wie tragisch burlesk. Wie Dusapins eklektisch anmutende Partitur, die Alain Altinoglu zart dirigierpinselt.

Mit seiner Oper Oceane ist Detlev Glanert ein echter Coup gelungen. Im Mittelpunkt steht eine geheimnisvolle Frau, die eine konservative Männergesellschaft in ihren Bann zieht und schließlich untergeht. Nicht nur beherrscht Detlev Glanert alle Finessen des Opernorchesters, er lässt der Musik und den Figuren auch ihr Geheimnis und ihre Rätselhaftigkeit. Ein faszinierendes Werk, das nach seiner erfolgreichen Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin allen Intendanten zum Nachspielen ans Herz gelegt sei.

Beste Aufführung

Beste Aufführung / Best Performance – Cecilia Bartoli © Sylvain Guillot

Beste Aufführung / Best Performance – Cecilia Bartoli © Sylvain Guillot

Wie lässt sich das Repertoire erweitern, ohne Komponisten in den Burnout zu treiben? Im Barock hatte man darauf eine Antwort: Pasticcios, also bereits existierende Arien, Duette, Chöre mit ein paar Libretto-Anpassungen zu einer neuen Oper zusammenzufügen. Das funktioniert auch heute noch. Vor allem dann, wenn man mit den Kompositionen von Antonio Vivaldi starkes Material hat, ein exzellentes Regieteam, herausragende Sänger und Musiker und mit dieser geballten künstlerischen Kraft eine Geschichte erzählt, die zentrale Mythen unserer Kultur mit dem Heute verbindet. Der OPER! AWARD für die „Beste Aufführung“ geht an Hotel Metamorphosis bei den Salzburger Pfingstfestspielen.

Beste Produktion / Best Production: „Der Idiot“ bei den Salzburger Festspielen. Auf dem Foto: Intendant Markus Hinterhäuser. © Simon Van Rompay

Beste Produktion / Best Production: „Der Idiot“ bei den Salzburger Festspielen. Auf dem Foto: Intendant Markus Hinterhäuser. © Simon Van Rompay

Es ist ein politisches Stück, das letzte von sieben Opernwerken eines Komponisten, der mitsamt seinem Œuvre beinahe unbemerkt untergegangen wäre im Mahlstrom der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Verhandelt wird die Ohnmacht des guten Menschen in einer von Gier, Nihilismus und Dekadenz geprägten Gesellschaft. Schockierend dicht hat Krzysztof Warlikowski diese Parabel in Szene gesetzt in einem horizontal beweglichen Bühnenraum, perfekt für Simultanszenen. Atemraubend lebenswahr die Aktionen des Spitzen-Sängerensembles, bezwingend poetisch die Identifikation der Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla mit der Partitur. Ja, genau dafür gibt es Festspiele! Um verlorene Meisterwerke fürs Repertoire zu gewinnen: wie Mieczysław Weinbergs Der Idiot bei den Salzburger Festspielen.

Beste Aufführung / Best Production: The Greek Passion bei den Salzburger Festspielen / The Greek Passion at the Salzburg Festival

Beste Aufführung / Best Production: The Greek Passion bei den Salzburger Festspielen / The Greek Passion at the Salzburg Festival

Was für den Komponisten Bohuslav Martinů vor 70 Jahren am Roman von Nikos Kazantzakis so wichtig und berührend war, dass er eine Oper darüber komponierte, geht uns heute noch genauso an: Menschen auf der Flucht, eine sich spaltende Gesellschaft, tragische Eskalation in Gewalt. Wenn dann die szenische und musikalische Umsetzung eines so relevanten Werkes auf höchstem Niveau gelingen und berühren, haben sowohl die Programmgestalter als auch die Kreativen alles richtig gemacht. The Greek Passion bei den Salzburger Festspielen 2023, mitreißend dirigiert von Maxime Pascal und packend inszeniert von Simon Stone, war für uns die beste Aufführung des Jahres.

OPER! AWARDS 2023, Jurorin Franziska Stürz mit Christopher Warmuth, Dramaturg der Bayerischen Staatsoper

Diese düstere zeitgenössische Oper um Politik, Glauben, Wahn und Irrsinn wurde zum Ausrufezeichen der Münchner Opernfestspiele 2022. Regisseur Simon Stone lenkt zusammen mit Bühnenbildner Bob Cousins den Blick messerscharf in das zeitlose Wesen der Geschichte, GMD Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester machen die schonungslose Partitur mit großer Lust am Klangexperiment zum Hörerlebnis. An der Spitze der durchweg überzeugenden Solistenriege glänzt Aušrinė Stundytė als Jeanne.

Jean-Philippe Rameaus barocke Revue Les Indes galantes verwandelte der bildende Künstler und Filmregisseur Clément Cogitore an der Opéra Bastille in ein mitreißendes Fest des Lebens. Er zeigt stilisierte Vignetten aus einer multikulturellen Metropole des 21. Jahrhunderts — eben Paris. Während die famose Choreografin Bintou Dembélé Tänzer, Rapper, Hip-Hopper auf Körpertouren bringt. Barock und Banlieue gehen eine unwiderstehliche Mischung ein. Großen Anteil an der zeitgenössischen Musiktanzshow zu Gavotten und Menuetten hat Leonardo García Alarcón am Pult seiner Cappella Mediterranea. Und wunderbar gesungen wird außerdem.

Regisseur Andriy Zholdak begeisterte mit Tschaikowskys viel zu selten gespielter Zauberin. Nicht selten überspannt er dabei den Regieeinfallbogen, aber Zholdak fasziniert mit seinen bisweilen surreal jedem linearen Erzählen spottenden Einfällen und seiner vielschichtigen Personenregie. Zudem war dies eine Produktion mit einem idealen Sängerteam und dem richtigen Dirigenten (Daniele Rustioni), die der Opéra de Lyon unter ihrem Intendanten Serge Dorny wieder einmal zu Ehren gereicht. Eine rundum überzeugende Aufführung!

Bester Bühnenbildner

Bester Bühnenbildner / Best Stage Designer – Jo Schramm © Sylvain Guillot

Bester Bühnenbildner / Best Stage Designer – Jo Schramm © Sylvain Guillot

Immer noch sind etliche kreative Theatermacher unterwegs, die in jungen Jahren im Schlingensief-Orbit kreisten. Einer von ihnen hatte zuvor Architektur studiert — und das sieht man seinen Arbeiten häufig noch an: Er spielt souverän mit kinetischen Elementen. Dieser Künstler kann bewegliche Räume bauen, die zu sprechen beginnen. Für Schlingensief erfand er die Bühne für Rosebud und Hamlet. Für David Hermann die legendäre Rampe für die Uraufführung der Oper Dogville von Gordon Kampe. Ebenso bedrohlich lautlos verschoben sich fortwährend die Betonwände beim jüngsten Münchner Don Giovanni. Und, zweiter Volltreffer der Saison: der Plenarsaal für Albéric Magnards Oper Guercœur in Frankfurt, in dem die Demokratie buchstäblich in sich zusammenkracht. Eines der Meisterstücke unseres „Bühnenbildners des Jahres“: Jo Schramm.

Bester Bühnen- und Kostümbildner / Best Stage and Costume Designer: Christophe Coppens. © Simon Van Rompay

Bester Bühnen- und Kostümbildner / Best Stage and Costume Designer: Christophe Coppens. © Simon Van Rompay

Am Théâtre de la Monnaie / De Munt hat er 2017 Das schlaue Füchslein, 2018 ein Bartók-Doppel, 2021 Norma und 2024 Turandot auf seine ganz eigene, atmosphärisch dichte und farbenfroh-raffinierte Art inszeniert und ausgestattet — ohne dabei als überzeugter Team-Player die Unterstützung durch das Studio i.s.m.architecten beim Bühnenbild zu unterschlagen. Seine Bühnenarbeit zeugt stets von seinem universellen Interesse an Kunst, Mode und Design. So sind seine Opernarbeiten immer ausgesprochen eng verzahnte Gesamtkunstwerke, mit einem ganz speziellen optischen Touch. Bühnen- und Kostümbildner 2025 ist Christophe Coppens.

© Michel Schnater. Uwe Friedrich, Mitglied der Jury, und Paul Zoller - BESTER BÜHNENBILDNER

© Michel Schnater. Uwe Friedrich, Mitglied der Jury, und Paul Zoller – BESTER BÜHNENBILDNER

In einem geheimnisvollen Labyrinth verpasst Dante im Braunschweiger Staatstheater sein Leben. Am Ende des Flurs oder der Treppe öffnet sich die Tür in einen anderen Raum als von ihm und dem Publikum erwartet. Eine Herausforderung für Werkstätten und Bühnentechnik, ein Triumph bei Publikum und Kritik — genauso wie die Frau ohne Schatten am Festspielhaus Baden-Baden. Auch die Innen-, Außen- und Wüstenräume für Massenets Hérodiade in Düsseldorf behielten ihr Geheimnis und öffneten gleichzeitig Assoziationsflächen, während ältere Arbeiten von Paul Zoller wie das Turandot-Bühnenbild in Berlin hervorragende Repertoirequalitäten beweisen.

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Ulrich Rasche

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Ulrich Rasche

Ulrich Rasche, der mit seinen musisch-chorischen Antike-Arbeiten im ganzen deutschsprachigen Raum gefragt ist, hat 2022 sein Opern-Debüt gegeben: mit Strauss’ Elektra in Genf. Die Premiere wurde der Triumph einer Partitur, eines Konzepts und einer Sängerbesetzung. Obwohl Rasche sich treu blieb: Ist es doch seine minimalistische Spezialität, Personal im Dauergehen- und rennen in dunklen, vernebelten, von Lichtschneisen durchschnittenen Kunsträumen über Rollen, Tonnen und Bänder sprinten und spazieren zu lassen. Alle marschieren auf der gleichen, rotierenden Schräge. Die kann kippen und hochgezogen werden, und gibt fast schon den Aufbau für eine Heavy-Metal-Show ab — und irgendwie ist Strauss hier so etwas wie der Hardrocker der Oper.

Mit einem so schwierigen Werk wie Franz Schrekers Der Schmied von Gent als Opernregisseur zu debütieren, zeugt entweder von totaler Furchtlosigkeit, unglaublicher Naivität oder von überragendem Selbstvertrauen, womöglich von allem zusammen. Das Ergebnis war ein atemberaubender Bilderreigen im selbst entworfenen Bühnenbild, das sowohl kunstgeschichtlich-pittoreske Anleihen bei touristischen Flandern-Klischees machte als auch die Schrecken des Kolonialismus in einem wilden Taumel auf die Bühne der Flämischen Oper Antwerpen/Gent brachte und das Werk von dem Vorurteil befreite, ein unbedeutendes Spätwerk des Komponisten zu sein.

Der Bayreuther Lohengrin im Sommer 2018 offerierte keine reine Schönheit, sondern eine gestörte Poesie, eine, die verstört. Der Maler Neo Rauch zeigte hinter dem barockbühnenhaft aufgerissenen Proszenium neuerlich und nachdrücklich, auch ein bisschen neurotisch, die zeitgemäße Schönheit einer neoromantischen Schwanenritterfabel aus dem Geist des frühmodernen Wimmelbilds: Als Lust am Sehen, am Staunen über alte Theatertricks. Die ewige Faszination der Illusion, die sich großzügig, intelligent und augenzwinkernd ausstellt und bisweilen auch rätselhaft bleibt.

Beste Kostüm­bildnerin / Bester Kostüm­bildner

Beste Kostümbildnerin / Best Costume Designer – Cécile Trémolières © Sylvain Guillot

Beste Kostümbildnerin / Best Costume Designer – Cécile Trémolières © Sylvain Guillot

Es gibt Opernkritiken, in denen die Kostümbildner überhaupt nicht vorkommen. Die Arbeit der diesjährigen Preisträgerin zu übersehen, ist allerdings unmöglich. Ihre Entwürfe für den Magdeburger Tannhäuser voller spätmittelalterlicher Farben und Formen sehen aus, als hätte sich das Personal des Märchenfilms Drei Haselnüsse für Aschenbrödel auf die Wartburg verirrt. Der abgerockte Pilgerchor wirkt wie ein Echo auf Monty Pythons’ Jesus-Parodie Das Leben des Brian. Diese durchaus satirischen Zuspitzungen erweisen sich als genaue Charakterstudien voller kostbarer, klug gedachter Details. Der OPER! AWARD für die „Beste Kostümbildnerin“ geht 2026 an Cécile Trémolières.

Bester Bühnen- und Kostümbildner / Best Stage and Costume Designer: Christophe Coppens. © Simon Van Rompay

Bester Bühnen- und Kostümbildner / Best Stage and Costume Designer: Christophe Coppens. © Simon Van Rompay

Am Théâtre de la Monnaie / De Munt hat er 2017 Das schlaue Füchslein, 2018 ein Bartók-Doppel, 2021 Norma und 2024 Turandot auf seine ganz eigene, atmosphärisch dichte und farbenfroh-raffinierte Art inszeniert und ausgestattet — ohne dabei als überzeugter Team-Player die Unterstützung durch das Studio i.s.m.architecten beim Bühnenbild zu unterschlagen. Seine Bühnenarbeit zeugt stets von seinem universellen Interesse an Kunst, Mode und Design. So sind seine Opernarbeiten immer ausgesprochen eng verzahnte Gesamtkunstwerke, mit einem ganz speziellen optischen Touch. Bühnen- und Kostümbildner 2025 ist Christophe Coppens.

© Michel Schnater. Klaus Bruns - BESTER BÜHNENBILDNER - und Eleonore Buening, Mitglied der Jury

© Michel Schnater. Klaus Bruns – BESTER BÜHNENBILDNER – und Eleonore Buening, Mitglied der Jury

In jeder Tierfabel steckt eine fette Portion Moral. Klaus Bruns hat diese Zeigefinger-Tradition, die von Äsop bis Disney reicht, ignoriert. Die halbtransparenten Masken, die er für Animal Farm an der Dutch National Opera Amsterdam entwarf, wirken weder niedlich noch eindeutig. Sie sind ambivalent: traurig und böse, verletzlich und bedrohlich. Für die unbequemen Wahrheiten des Werks ist diese Bildsprache geradezu essentiell: ein Meisterstück. Seit vielen Jahren schon hat Bruns, in individueller Vielfalt, passgenaue Kostüme für Schauspiel und Oper erarbeitet, in engster Zusammenarbeit mit großen Regisseuren. Dieser Preis ist nicht sein erster. Aber hoch verdient.

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Ersan Mondtag und Annika Lu

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Ersan Mondtag und Annika Lu

Ein Kessel Buntes: Das charakterisiert viele, nicht alle Bühnenarbeiten von Ersan Mondtag. Der ist immer dann am besten, wenn er sein eigener Bühnen- und Kostümbildner ist. Hierfür nimmt er manchmal auch Hilfe in Anspruch — im Fall des kruden, an sich unaufführbaren Antikrist von Rued Langgaard die von Annika Lu. An der Deutschen Oper Berlin wurde das antiklerikale Musiktheater-Pamphlet zwischen Apokalypse und Wiedergeburt ein Triumph der Imagination — eine durchaus schrillbunte Heraufbeschwörung der expressiven Zwanzigerjahre. Unverständlich, aber sehenswert war dabei nicht nur Gott als nackte Monsterpuppe, sondern auch die mit kräftigen Pinselschraffuren auf dem massiven Fatsuit zum Bühnenleben erweckte Große Hure Babylon.

Die knallbunte Bilderwelt des Regisseurs Ersan Mondtag für Franz Schrekers Der Schmied von Gent hätte nur halb so gut funktioniert, hätte nicht Josa Marx die ebenso fantasievollen Kostüme beigesteuert. Auch hier mischten sich eine geradezu kindliche Freude an Farbe und Form mit dem Schrecken niederländischer Malerei von Hieronymus Bosch bis Pieter Bruegel. Anspielungsreiche Zitate bis in die Gegenwart hat Josa Marx zu einer unverwechselbaren eigenen Handschrift kombiniert und damit die hinreißend verschachtelte Drehbühnenstadt Mondtags kongenial belebt.

Rosa Loy ist keine reine Kostümbildnerin, sondern Neo Rauchs Frau und Partnerin auf Augenhöhe. Vormärz und Frühmoderne mischen sich in ihren Arbeiten, genauso wie Rembrandt-Kragen, Babystrampler, Trainingsanzug, Krankenschwesteruniform und Hausdamenkostüm: van Dyck und Schilda sind sich nah. Dann kommt Piotr Beczała als Tenor-Heilsbringer im Mechanikeranzug und versucht zu reparieren. Und in Bayreuth zieht mit Lohengrin wieder das Schöne ein.

Bestes Solo-Album

Bestes Solo-Album / Best Solo Album – Erin Morley © Sylvain Guillot

Bestes Solo-Album / Best Solo Album – Erin Morley © Sylvain Guillot

Die ganz große Zeit des Gesangs liegt immer ein paar Jahrzehnte zurück. Die Älteren erinnern sich noch, die Jüngeren sehnen sich danach. Aber manchmal liegt sie auch in der Gegenwart. Dann hören wir Stimmen, die sich mit den ganz Großen der Vergangenheit messen können, die uns begeistern und die Zeit vergessen lassen. Auch die Jahrhunderte, die zwischen uns und der Entstehung der Kompositionen liegen. Ob italienischer Belcanto oder französischer Wohlklang ist dann ebenso zweitrangig wie die Handlung der Oper, denn die Schönheit der Musik überwältigt uns unmittelbar. Wenn zwei zwischen New York und Tokio höchst gefragte Interpreten zusammenfinden und sich in Stilsicherheit und gesangstechnischer Perfektion ideal ergänzen, befindet sich das Publikum im Opernhimmel — so wie beim „Album des Jahres“: Golden Age von Erin Morley und Lawrence Brownlee.

Bestes Solo-Album / Best Solo Album: Aigul Akhmetshina. © Simon Van Rompay

Bestes Solo-Album / Best Solo Album: Aigul Akhmetshina. © Simon Van Rompay

Zwei Gesangsstunden pro Woche sind für Studierende an bundesdeutschen Hochschulen die Regel. Frappierend wenig. Die Sängerin, die in diesem Jahr diskografisch den besten Eindruck hinterließ, gibt an, „sechs Stunden am Tag“ an ihrer Hochschule studiert zu haben — in Ufa, der Hauptstadt der Republik Baschkortostan im Süden Russlands. Das Ergebnis: ein glitzeriger, von einem irisierenden Vibrato getragener Super-Mezzosopran. Auf ihrem Debüt-Album unter Leitung von Daniele Rustioni singt sie Arien aus fast allen Prachtpartien ihres Fachs: Carmen, Rosina, Cenerentola und Charlotte, außerdem Romeo in Bellinis Shakespeare-Oper I Capuleti e i Montecchi. Ihr gelang damit — unter dem Titel „Aigul“ — das beste Solo-Album des Jahres: Aigul Akhmetshina.

Bestes Solo-Album / Best Solo Album: Cyrill Dubois

Bestes Solo-Album / Best Solo Album: Cyrill Dubois

Aus den Aufnahmen des Palazzetto Bru Zane ist der französische Tenor Cyrille Dubois schon seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken. Erst mit dem Solo-Album So Romantique! indes wird er solistisch unüberhörbar. Unbekannte Arien aus Godards Pedro de Zalamea, Halévys Les mousquetaires de la reine oder Clapissons Gibby la cornemuse eignen sich ideal für das nasal vornehme, empfindsam schmelzende Timbre. In Donizettis La fille du régiment braucht er sich vor italienischen Rittern des hohen Cs nicht zu verstecken. Auch dem Orchestre National de Lille gelingt der Vorstoß in die erste Reihe.

OPER! AWARDS 2023, Preisträger Jonathan Tetelman

OPER! AWARDS 2023, Preisträger Jonathan Tetelman

Sein Lieblingskomponist ist Puccini, doch glücklicherweise verzichtet Jonathan Tetelman bei seinem Soloalbum auf die beliebtesten Hits dieses manchmal auch sentimentalen Meisters. Stattdessen bietet er eine Mischung aus französischen Lyrismen, italienischen Trompetentönen und der Freude am musikalischen Einfallsreichtum. Die Stimme ist wandlungsfähig und scheint keine gesangstechnischen Grenzen zu kennen. In den größeren Szenen zeigt er, dass er auch den Wechsel von Spannungsaufbau und gelassener Klangschönheit beherrscht. Im Ensemble mit seiner Gesangspartnerin Vida Miknevičutė drängelt er sich nicht eitel nach vorne, auch das Zusammenspiel mit dem Dirigenten Karel Mark Chichon zeigt den Teamplayer.

Was für eine Stimme! Mit seinem Album Vincerò! meldet Piotr Beczała, der „Beste Sänger“ der OPER! AWARDS im letzten Jahr, wieder einmal seinen Anspruch auf den aktuellen Tenor-Thron an. Aufregend klingt seine Höhe, die in den letzten Jahren noch freier, noch sicherer wurde; hinzu kommt eine schön funkelnde Träne in den richtigen Momenten. Statt mit emotionalem Hochdruck glänzt er in diesem veristischen Repertoire mit einer modellhaften Stimmtechnik und wohldosiertem Ausdruck. Das Album ist ein weiterer, gelungener Schritt in dramatische Gefilde in dieser so klug gestalteten Karriere.

Mit „Offenbach Colorature“ ist Jodie Devos nicht nur ein kluges Album gelungen, das uns viele vergessene Arien-Juwelen von Jacques Offenbach erleben lässt. Die sind darüber hinaus auch noch fantastisch und mitreißend musiziert. Mit Augenzwinkern, Wortwitz und feiner Koloraturentechnik serviert die Sängerin hier einen wahren Ohrenschmaus. Was auch an der feinfühligen und idiomatischen Unterstützung durch den Dirigenten Laurent Campellone und dem Münchner Rundfunkorchester liegt.

Beste Gesamtedition

Beste Gesamtedition / Best Complete Edition - Donizetti Songs (Opera Rara), Henry Little © Sylvain Guillot

Beste Gesamtedition / Best Complete Edition – Donizetti Songs (Opera Rara), Henry Little © Sylvain Guillot

Da meint man, den Stil eines Komponisten gut zu kennen, der für einige der größten Meisterwerke des italienischen Belcanto verantwortlich ist. Melodien, die jedes Wunschkonzert zieren, formale Meisterschaft, die bis heute bewundernswert ist, harmonische Überraschungen, die für mehrere Karrieren gereicht hätten. Und dann kommt die erfreuliche Erkenntnis: Der Mann hat auch Lieder geschrieben, und was für welche! Die beteiligten Künstler schütten ein Füllhorn der Ideen und der vokalen Herausforderungen über uns aus und verblüffen immer wieder mit Eleganz und Perfektion des Gesangs. Dabei ist noch gar nicht alles veröffentlicht, aber wir freuen uns bereits jetzt auf die folgenden Alben der schon weit fortgeschrittenen Gesamtausgabe der Lieder von Gaetano Donizetti beim Label Opera Rara, unserer „Besten Gesamtedition“ mit dem schlichten Titel: Donizetti Songs.

Beste Opern-Gesamtaufnahme / Best Opera Recording: Le prophète (London Symphony Orchestra) - here Becky Lees. © Simon Van Rompay

Beste Opern-Gesamtaufnahme / Best Opera Recording: Le prophète (London Symphony Orchestra) – here Becky Lees. © Simon Van Rompay

Die französische Grand opéra ist die erfolgreichste Erfindung der Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, aber es gibt kaum überzeugende Gesamtaufnahmen dieser Werke. Seit einigen Jahren ändert sich das durch die Editionsarbeit des Palazzetto Bru Zane mit einer herausragenden CD-Serie. Religiöse Eiferer, erotische Verstrickungen, ein großes Ballett: All das liegt beim Dirigenten Mark Elder in den besten Händen und schimmert mit dem London Symphony Orchestra in allen Farben. John Osborn verleiht dem charismatischen Anführer große Verführungsmacht, Elizabeth DeShong ist eine überwältigende Fidès. So brillant musiziert behauptet dieses besondere Werk seinen Rang in der Operngeschichte: Meyerbeers Le prophète.

Beste Opern-Gesamtaufnahme / Best Opera Recording: La princesse de Trébizonde (Opera Rara)

Beste Opern-Gesamtaufnahme / Best Opera Recording: La princesse de Trébizonde (Opera Rara)

Während die goldene Zeit der Opern-Gesamtaufnahmen vorbei ist, weil die großen Firmen kaum noch investieren, erscheinen auf dem Label Opera Rara unvermindert etliche der wichtigsten Opern- und Operetten-Einspielungen der Gegenwart. In Jacques Offenbachs La princesse de Trébizonde entdecken Ex-ENO-Dirigent Paul Daniel und das London Philharmonic Orchestra ihre komische Seite. Mit Virginie Verrez als Prinz Raphael, Anne-Catherine Gillet und Antoinette Dennefeld wird streng auf Idiomatik geachtet. Josh Lovell ist eine kanadische Tenor-Entdeckung der Extraklasse. Eine Sternstunde der Offenbachiade.

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Preisträgerin Antonella Zedda von Palazzetto Bru Zane

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Preisträgerin Antonella Zedda von Palazzetto Bru Zane

Seit einigen Jahren schon gräbt die Stiftung Palazzetto Bru Zane hauptsächlich Perlen der französischen Romantik aus und präsentiert sie in exemplarischen Aufnahmen mit ausgewiesenen Experten für dieses Repertoire. Mit Robert le Diable stand nun ein Hauptwerk von Giacomo Meyerbeer auf dem Programm und wurde in Zusammenarbeit mit der Opéra National de Bordeaux und den gewohnt hohen Standards auf Tonträger dokumentiert. Der Meyerbeer-Experte Marc Minkowski leitet dabei ein illustres Sängerensemble, angeführt von John Osborn, Erin Morley und dem diabolischen Nicolas Courjal. Ein weiterer, überzeugender Beitrag zur Meyerbeer-Renaissance.

Ein Höhepunkt des abgelaufenen Berlioz-Jahres 2019: die Benvenuto Cellini-Aufnahme von John Eliot Gardiner nun als DVD-Konzertmitschnitt im Kostüm aus der Opéra de Versailles. Mit einem beschwingten Sir John am Pult des farbensatt säuselnden wie trötenden Orchestre Revolutionnaire et Romantique und einem agil witzigen Monteverdi Choir. Alle haben Lust, alle sind bestens besetzt, und so ist es ein Vergnügen, Berlioz’ buntester, frivolster, facettenreichster Künstler-Oper direkt aus dem römischen Renaissanceleben zuzuhören. Die Vokalkirsche auf dem tönenden Kuchen: Michael Spyres singt den Benvenuto höhentrittsicher charmant, mit gut gelagertem baritonalen Tenor. Ein Opern-Muss!

Ausgrabungen gibt es regelmäßig, doch selbst in der Barockmusik sind wirklich lohnende Werke und bahnbrechende Entdeckungen selten geworden. Umso erstaunlicher daher, was dem Label Opera Rara mit L’ange de Nisida gelungen ist: Nicht weniger als ein Hauptwerk von Gaetano Donizetti wurde hier ans Licht befördert und in einem enthusiastischen Live-Mitschnitt zum klingenden Leben erweckt.

Beste Nachwuchs­künstlerin / Bester Nachwuchs­künstler

Beste Nachwuchskünstlerin / Best Newcomer – Nadezhda Karyazina © Sylvain Guillot

Beste Nachwuchskünstlerin / Best Newcomer – Nadezhda Karyazina © Sylvain Guillot

Natürlich ist es großartig, wenn man schon in jungen Jahren als Sängerin bei einem großen Festival in einer bedeutenden Rolle glänzen kann. Doch wenn es zudem gelingt, in der ikonischen Partie der Marfa in Mussorgskys Chowanschtschina, eine Art todessüchtige russische Erda, die sonst älteren Sängerinnen vorbehalten ist, Autorität zu verbreiten, vokal zu glänzen, bei einer Gelegenheit wie den Osterfestspielen Salzburg so gute Kritiken und so viel Beifall einzufahren, dann ist das eine besondere Leistung. Was sich wiederholte, als sie — wohl auch wegen dieses Erfolgs als Einspringerin angefragt — wenige Wochen später im Hotel Metamorphosis am gleichen Ort als Minerva, Nutrice und Juno bei den Pfingstfestspielen eincheckte. Überwältigend gut: unsere „Nachwuchssängerin des Jahres“ Nadezhda Karyazina.

Bester Nachwuchskünstler / Best Newcomer: Maayan Licht. © Simon Van Rompay

Bester Nachwuchskünstler / Best Newcomer: Maayan Licht. © Simon Van Rompay

Als Alfred Deller einst Staunen erregte mit seiner Falsettakrobatik, ahnte niemand, dass sich daraus eines Tages ein neues Stimmfach entwickeln würde. Jetzt ist es so weit: Countertenöre hatten 2024 einen beispiellosen Lauf, ganze Barockopern können heutzutage in allen wichtigen Partien mit Haute-Contres besetzt werden. Beim Festival Bayreuth Baroque stahl ein junger Sopranist selbst den Stars der Szene die Show. Er stattete den Achill in Ifigenia in Aulide von Porpora mit innigster Intensität und betörender Akrobatik aus. Ein Senkrechtstarter: Nach Abschluss seines Studiums in Amsterdam feierte er aus dem Stand Erfolge u.a. in Wien, Brünn, Parma, Oldenburg und Glyndebourne. Auf Instagram und TikTok folgen ihm bereits mehr als 80.000 Fans. Sein Name: Maayan Licht.

Bester Nachwuchskünstler / Best Newcomer: Huw Montague Rendall

Bester Nachwuchskünstler / Best Newcomer: Huw Montague Rendall

Als suchender, durch sein Leben taumelnder Hamlet an der Komischen Oper Berlin sorgte der britische Bariton Huw Montague Rendall für erhöhte Kartennachfrage. So war es schon in London, Paris, Chicago, Aix und Glyndebourne. Als Pelléas wurde er ebenso bejubelt wie als Papageno, Eisenstein und Malatesta. Alles begann als Fiorello beim Glyndebourne Festival, einer kleinen Rolle mit großen Folgen. Figaro-Graf, Kindertotenlieder und Duruflé-Requiem, Rendall bekommt all das unter einen Hut und findet den richtigen Ton.

Preisträger Konstantin Krimmel (links) mit Pianist

Preisträger Konstantin Krimmel (links) mit Pianist

Erstaunlich, dass ein passionierter Lied- und Konzertsänger als Hobbytenor im Chor seiner Heimatstadt Ulm Theaterluft schnuppert und noch vor seinem 30. Geburtstag festes Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper wird — als Bariton wohlgemerkt! Konstantin Krimmel hat so viel Spaß an der Musik und am Erzählen von Geschichten, dass er einfach zur Bühne kommen musste. Hier kann er bezirzen, schwelgen, grollen oder froh und lustig sein wie Papageno. Seine Stimme und Musikalität überzeugen nicht nur Kritiker, sondern auch — und vor allem — das Publikum. Ob auf preisgekrönten CD-Einspielungen oder im Opernhaus: Konstantin Krimmel ist einer der vielseitigsten und vielversprechendsten jungen deutschen Baritone auf dem internationalen Bühnenparkett.

Der Brasilianer Bruno de Sá könnte als erster männlicher Sopran eine Weltkarriere machen. In der Rolle der kleinen Meerjungfrau in der Basler Uraufführung von Andersens Erzählungen, außerdem als Barbarina in Le nozze di Figaro sorgte er für Furore. Seine Mitwirkung in Bononcinis Polifemo auf CD lässt gleichfalls aufhorchen. Ein Solo-Plattenvertrag ließ nicht lange auf sich warten. Die weiche, noch in den höchsten Regionen warme Stimme zeigt wenig Neigung zu einseitigem Brillantfeuerwerk. Hier ist ein überaus versierter, höchst seriöser Sänger als Pionier am Werk.

Zuerst ist uns der heute 24-jährige baskische Tenor mit seiner klaren, schönen Stimme und der gut durchgebildeten Höhe in Pesaro und in Bergamo aufgefallen, wo er unter anderen mit Juan Diego Flórez auf der Bühne stand. Rossini und Donizetti liegen ihm perfekt in der Kehle. Dafür wurde er eben auch beim Operalia Wettbewerb in Prag gleich zweifach ausgezeichnet. Hier ist ein Sänger mit einer jugendfrischen Stimme zu erleben, die schon jetzt mehr als nur ein Versprechen für die Zukunft ist.

Beste Wieder­entdeckung

Beste Wiederentdeckung / Best Rediscovery – Die toten Augen, Theater Altenburg Gera © Sylvain Guillot

Beste Wiederentdeckung / Best Rediscovery – Die toten Augen, Theater Altenburg Gera © Sylvain Guillot

Es gibt Operntitel, die geradezu sprichwörtlich sind, auch wenn kaum jemand das Stück dazu auf der Bühne gesehen hat. Wer im Opernführer nachliest, meint zu wissen, dass diese krude Geschichte auf der Bühne nie funktionieren kann und dass es wohl gute Gründe gibt, warum sie niemand aufführt. Und dann kommt jemand, der an das Werk glaubt und der Musik vertraut. Ein Regisseur, der keine Angst vor Symbolismus und Pathos hat, der noch dazu Intendant eines Hauses ist, an dem man auch die anspruchsvollen Rollen einer spätromantischen Oper ideal besetzen kann. So war schon nach den ersten rauschhaften Tönen klar, diese Wiederentdeckung einer Oper von Eugen d’Albert war überfällig und ist absolut preiswürdig: Die toten Augen am Theater Altenburg Gera.

Beste Wiederentdeckung / Best Rediscovery: Amerika by Roman Haubenstock-Ramati am Opernhaus Zürich, hier Claus Spahn. © Simon Van Rompay

Beste Wiederentdeckung / Best Rediscovery: Amerika by Roman Haubenstock-Ramati am Opernhaus Zürich, hier Claus Spahn. © Simon Van Rompay

Wenn eine Oper vom Publikum abgelehnt wird, muss das nichts über das Kunstwerk sagen, es kann auch heißen, dass die Zeit noch nicht reif dafür war. Einen Misserfolg noch einmal zu befragen, erfordert Mut, und den haben das Opernhaus Zürich und Regisseur Sebastian Baumgarten bewiesen. Unter dem Dirigenten Gabriel Feltz wird das aufwändige Musikdrama um Franz Kafkas duldsamen Helden Karl Rossmann zu einem fesselnden Theaterabend, an dem Spiel, Gesang, Tanz und Bühnentechnik zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen, das zwar überwältigen, vor allem aber zum Nachdenken anregen will. So wurde ein ganz besonderes Bühnenwerk knapp 60 Jahre nach der Uraufführung doch noch zum umjubelten Erfolg: Roman Haubenstock-Ramatis Amerika.

© Milan Gino. Jens Neundorff von Enzberg, Intendant des Staatstheaters Meiningen, BESTE WIEDERENTDECKUNG

© Milan Gino. Jens Neundorff von Enzberg, Intendant des Staatstheaters Meiningen, BESTE WIEDERENTDECKUNG

Ausgerechnet zum ersten Jahrestag des Ukrainekriegs gab es am mutigen Staatstheater Meiningen die Deutsche Erstaufführung von George Bizets Iwan der Schreckliche, oder Ivan IV. Das war schon länger geplant, machte aber Sinn, weil Regisseur Hinrich Horstkotte in einem historischen Ambiente kreativ adaptierte. Und so bekam ein spannendes, klanglich interessantes Stück, für das die Operngeschichte bisher wenig übrig hatte, eine ganz neue Dringlichkeit. Einige Minuten Musik erlebten dabei zudem ihre Uraufführung — was wieder einmal zeigt, wie neugierig man gerade in der vermeintlichen Provinz ist.

OPER! AWARDS 2023, Jurorin Franziska Stürz mit Preisträger Andreas K. W. Meyer, Operndirektor Bonn

OPER! AWARDS 2023, Jurorin Franziska Stürz mit Preisträger Andreas K. W. Meyer, Operndirektor Bonn

Wenn sich eine ganze Musiktheater-Reihe der Aufführung vergessener Werke aus dem ersten Drittels des 20. Jahrhunderts widmet, sind spannende Neubegegnungen garantiert: FOKUS’33 ist ein vorbildliches musikwissenschaftliches Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Oper Bonn, durch das 2022 Werke wie Meyerbeers Ein Feldlager in Schlesien oder Asrael von Alberto Franchetti wieder aufgeführt wurden. Flankiert von informativen Begleitveranstaltungen und Vorträgen wird der Blickwinkel aus heutiger Sicht auf diese Werke erweitert und der Opernabend zum sinnlichen Erlebnis mit geschärftem historischen Bewusstsein. Die Gründe für das Vergessen sind tatsächlich ebenso vielschichtig wie die Werke selbst.

Dieser Drache ist ein dolles Drama: Weimar und Erfurt haben erstmals seit 1971 mit Peter Konwitschnys plakativ-schnittiger Regiehilfe Paul Dessaus und Heiner Müllers böse Politoper Lanzelot revitalisiert. Das Land wird von einem Drachen bedroht, dem jedes Jahr eine Jungfrau geopfert werden muss. Als Ritter Lanzelot auftaucht, will kaum einer so richtig etwas von ihm wissen. Die Nomenklatura hat sich gut mit dem Übel eingerichtet: 1969 hatte das schräge, treffsichere Stück an der Staatsoper Berlin Premiere. Die offizielle DDR dachte zunächst, mit dem Drachen sei der Westen gemeint und jubelte über diese „sozialistische Revolutionsoper von der Selbstbefreiung der Menschheit“.

Dickes Ausrufezeichen im Offenbach-Jubiläumsjahr: An der Opéra national du Rhin Strasbourg verpassten Regisseurin Mariame Clément und Jean-Luc Vincent dessen Barkouf neue, an heutige politische und gesellschaftliche Problemzonen angepasste Dialoge. Und Mariame Clément stellte mit Bühnenbildnerin Julia Hansen auch den Kern des Stückes sicher: animalische Frauenpower gegen hirnlose Machtmänner. Mit der im Mai viel zu früh gestorbenen Intendantin Eva Kleinitz hatte eine kluge Theaterfrau darüber hinaus den Mut, diesen unbekannten Offenbach auf die Bühne zu stellen.

Bestes Zukunfts­projekt

Bestes Zukunftsprojekt / Best Future Project – Verdi OFF, Festival Verdi Parma © Sylvain Guillot

Bestes Zukunftsprojekt / Best Future Project – Verdi OFF, Festival Verdi Parma © Sylvain Guillot

Die großen Komponistenfestivals haben meistens genug damit zu tun, das Erbe ihres Namensgebers zu pflegen, zumal wenn das Œuvre groß ist und viele seiner Werke nicht oft gespielt werden. Umso wichtiger ist es, ungewöhnliche Sichtweisen auf die Opern zu ermöglichen. Die verheerende Wirkung der grundlosen Eifersucht in der kondensierten Schauspielversion einer berühmten Oper, die Verknüpfung des Untergangs eines Gewaltherrschers mit der Klimakrise in einer Kunstinstallation, die intime Begegnung mit sterbenden Opernfiguren im Bett, all das holt die Stücke aus dem Opernhaus in das reale Leben und begeistert so ein Publikum, das noch gar nicht weiß, wie nah ihm die alte Kunstform Oper kommen kann. All das leistet seit zehn Jahren ein ganz besonderes Education-Angebot — für uns das „Beste Zukunftsprojekt“: das Festival Verdi OFF in Parma.

Bestes Zukunftsprojekt / Best Future Project: Copenhagen Opera Festival. © Simon Van Rompay

Bestes Zukunftsprojekt / Best Future Project: Copenhagen Opera Festival. © Simon Van Rompay

Wie macht man die Oper fit für die Zukunft? Zum Beispiel mit relevanten Themen, die Künstler zu aufregenden Musiktheaterabenden fügen. Oft scheitern Uraufführungen, egal ob abendfüllende Großproduktionen oder kleine Performances, an der Form. Es geht aber auch anders: Wenn sich der Mut, es mit neuen Kompositionen, Formaten, Erzählungen zu versuchen, mit dem Gelingen paart. Wenn gezeigt wird, dass es für politische Relevanz auch überzeugende ästhetische Lösungen gibt. Das Ergebnis ist ein waches, junges Publikum, von dem viele andere Festivals und Häuser nur träumen können. Sie können sich ein Beispiel nehmen an unserem besten Zukunftsprojekt: dem Copenhagen Opera Festival.

© Michel Schnater. Peter de Caluwe, Director La Monnaie De Munt - BESTES ZUKUNFTSPROJEKT - Green Opera

© Michel Schnater. Peter de Caluwe, Director La Monnaie De Munt – BESTES ZUKUNFTSPROJEKT – Green Opera

Bereits seit 23 Jahren setzt sich die Brüsseler Oper konsequent mit den Folgen ihrer Aktivitäten für die Umwelt auseinander. Reduktion der CO2-Emissionen, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein bei allen Mitarbeitern sind erklärtes Ziel. La Monnaie / De Munt verfolgt seit 2022 das Projekt „Green Opera“ als Teil seiner CSR-Strategie. Mülltrennung im Haus, messbarer und reduzierter Energie- und Wasserverbrauch in allen Bereichen, Bienenstöcke auf dem Dach, selbst hergestelltes Waschmittel und Wiederverwertung von Bühnenbildelementen neben Fahrradparkplätzen und optimierter hausinterner Logistik sind nur einige Veränderungen, die auch im Collectif 17h25 vorangetrieben werden. Vorbildlich!

Bestes Festival

Bestes Festival / Best Festival – Christoph Dittrich und Ludger Vollmer, Theater Chemnitz © Sylvain Guillot

Bestes Festival / Best Festival – Christoph Dittrich und Ludger Vollmer, Theater Chemnitz © Sylvain Guillot

Was tut man als Opernhaus, wenn man eine vielversprechende Uraufführung stemmen möchte, aber die Mittel begrenzt sind? Man setzt sich dafür ein, dass der eigene Standort Europäische Kulturhauptstadt wird. Mit dem dadurch fließenden Geld beauftragt man eine berühmte Autorin und einen erfahrenen Komponisten, ein Stück Weltliteratur zu vertonen, das in der Region spielt. Drumherum baut man ein prominent besetztes Symposium als Festival im Festival. Das Ergebnis: ein Riesenerfolg. Die Vorstellungen sind ausverkauft, wegen der großen Nachfrage gibt’s Zusatztermine. Der OPER! AWARD für das „Beste Festival“ geht 2026 an das Theater Chemnitz und das Kulturhauptstadtjahr, die die Opern-Uraufführung Rummelplatz von Jenny Erpenbeck und Ludger Vollmer nach dem Roman von Werner Bräunig ermöglicht haben.

What do you do as an opera house when you want to pull off a promising world premiere but funds are limited? Easy — you campaign for your city to become a European Capital of Culture! With the resulting funding, you commission a famous author and an experienced composer to set a piece of world literature to music that takes place in your region. Around this, you organise a high-profile symposium as a “festival within a festival”. The result: a massive success, with sell-out performances and more dates added due to popular demand. The OPER! AWARD for “Best Festival” 2026 goes to the Theater Chemnitz and the European Capital of Culture, which made possible the world premiere of Rummelplatz (Fairground) by Jenny Erpenbeck and Ludger Vollmer, based on the novel by Werner Bräunig.

Bestes Festival / Best Festival: Opernfestspiele Heidenheim, hier Markus Bosch. © Simon Van Rompay

Bestes Festival / Best Festival: Opernfestspiele Heidenheim, hier Markus Bosch. © Simon Van Rompay

Diese Stadt hat knapp 50.000 Einwohner, eine Fußballmannschaft in der Ersten Bundesliga und sommerliche Opernfestspiele. Die haben sich, seit der von hier stammende Dirigent Marcus Bosch mit seinem eigens zusammengestellten Orchester Cappella Aquileia dafür verantwortlich ist, zu einem Zentrum für die Pflege eines ganz besonderen Repertoires entwickelt: Der frühe Verdi der „Galeeren-Jahre“ wird hier klanglich furios und mit professionell gecasteten Sängern aufbereitet und medial verbreitet — sei es im Fall seiner ersten komischen Oper Un giorno di regno, des Kreuzfahrer-Epos I Lombardi, der Räuberpistole Ernani, des Venedig-Dramas I due Foscari oder der farbigen Heiligen-Legende Giovanna d’Arco. Glückwunsch, Opernfestspiele Heidenheim!

The town has close to 50,000 inhabitants, a football team in the first German Football — and an opera festival in summer. Since conductor Marcus Bosch, a local boy, and his specially assembled orchestra Cappella Aquileia have been responsible for the festival, it has developed into a centre for the cultivation of a very special repertoire: the early Verdi of his “galley years”, which is presented here with a furious sound and professionally cast singers, and given a noticeable media presence — be that Verdi’s first comic opera Un giorno di regno; the crusader epic I Lombardi; the penny dreadful Ernani; the Venetian drama I due Foscari; or the colourful legend of Giovanna d’Arco. Congratulations, Heidenheim Opera Festival!

© Michel Schnater. Clemens Lukas und Georg Lang von Bayreuth Baroque: BESTES FESTIVAL zusammen mit Franziska Stuerz, Mitglied der Jury

© Michel Schnater. Clemens Lukas und Georg Lang von Bayreuth Baroque: BESTES FESTIVAL zusammen mit Franziska Stuerz, Mitglied der Jury

Wenn sich Ende August die Wogen der Wagner-Festspiele auf dem Grünen Hügel in Bayreuth wieder geglättet haben, erwacht seit 2020 das prunkvoll renovierte Markgräfliche Opernhaus für zwei September-Wochen zu altem Glanz mit neuen, überaus bequemen Sitzen und neu zu entdeckenden, auf höchstem Niveau dargebotenen Barockopern. Dass hier der Sänger und Regisseur Max Emanuel Cenčić die künstlerische Leitung übernommen hat, ist ein Glücksfall für das noch junge Festival, das 2023 einen neuen Besucherrekord aufstellen konnte. So geistreich, unterhaltsam, virtuos und mit solch vitaler Verbindung in die Gegenwart wie hier ist Barockoper selten zu erleben.

After the Wagner razzmatazz has calmed down again on Bayreuth’s “Green Hill” at the end of each August, the magnificently renovated Margravial Opera House regularly awakens to its former glory. For two weeks in September, with new and extremely comfortable seats, it invites the rediscovery of Baroque operas, done to the very highest standards. The fact that singer and director Max Emanuel Cenčić has taken over the artistic management is a stroke of good luck for the still young festival, which was able to set a new visitor record in 2023. It is a rare treat to experience Baroque opera this witty and entertaining, with such virtuosity and living connection to the present as it is performed here.

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Pierre Audi

OPER! AWARDS 2023, Juror Manuel Brug mit Preisträger Pierre Audi

Der Franzose Stéphane Lissner hat das wunderbare, ein wenig in die Jahre gekommene Festival lyrique d’Aix-en-Provence, das Salzburg des Midi, 1998 glorios und auch zeitgenössisch neu aufgestellt. Der Belgier Bernard Foccroulle hat diesen Ansatz 2007 bis 2018 auf gelungene Weise fortgesetzt. Und der libanesische, in Amsterdam lebende Weltbürger Pierre Audi hat ihm seit 2019 noch einmal vehement einen Kick gegeben. 2020 musste er zwar eine Corona-Pause einlegen, aber die vor Premieren wie Uraufführungen unterschiedlichster Art überquellenden Jahrgänge 2021 und 2022 mit bis zu sechs Novitäten hintereinander waren herausragend. In der Qualität und Originalität wie auch in der überraschenden Mischung zwischen Barockoper und Uraufführung. Zudem hat Audi gleich zwei neue Spielorte entdeckt.

In 1998, the Frenchman Stéphane Lissner gloriously rejuvenated the wonderful, but ageing Festival lyrique d’Aix-en-Provence, the Salzburg of the Midi. The Belgian Bernard Foccroulle continued his approach between 2007 and 2018. And the Lebanese global citizen Pierre Audi, who lives in Amsterdam, cranked it up another notch since 2019. The year after, Corona imposed a hiatus, but the editions of 2021 and 2022 with their wealth of widely diverse new productions and world premieres, sometimes lining up six novelties in a row, were exceptional. In their quality and originality as much as in the surprising mix of baroque opera with world premieres. And as if that were not enough, Audi even discovered two new venues.

Kunst sei „ein Himmelskörper für sich“, so der Gründungsvater Max Reinhardt – aber einer, der „sein Licht von der Welt der Wirklichkeit“ bezieht. Mit der Wirklichkeit der Corona-Pandemie konfrontiert, bauten die Salzburger Festspiele dieses Motto in diesem Jahr aus. Sie erklärten Kunst zum „Lebensmittel und Lebenssinn“. Schoben die Entscheidung zur Absage auf bis zum letztmöglichen Probenbeginn. Investierten dann alles in die Möglichmachung. Die 30 Kurz-Festspiel-Tage in Salzburg wurden so zum Glücksfanal und zu einem Lichtbringer für den gesamten Kulturbetrieb: Da geht noch was, trotz alledem!

Art, according to the Festival’s founding father Max Reinhardt, is “a celestial body of its own” — but one that “draws its light from the world of reality”. Confronted by a very real pandemic, the Salzburg Festival this year built on this insight. It declared art to be a “basic staple and central to the meaning of life”, deferred the decision about a would-be cancellation to the last possible starting date for rehearsals — and then went all in to make it all happen. Thus, the condensed 30 festival days became a beacon of happiness and lit up the entire culture business: yes, we can, despite everything else!

Das traditionsreiche Festival in der Geburtsstadt des Komponisten holt endlich musikologisch, programmatisch und qualitätsmäßig gegenüber der Rossini-Hochburg Pesaro auf. Möglich gemacht hat das der Leiter Francesco Micheli. Und auch der neue Musikchef Riccardo Frizza verspricht einiges. So freuen wir uns schon jetzt im November auf die szenische Weltpremiere der letzten zu entdeckenden Donizetti-Oper L’ange de Nisida.

Lebens- und Ehrenpreis

Lebens- und Ehrenpreis / Honorary Lifetime Achievement – Jürgen Rose © Sylvain Guillot

Lebens- und Ehrenpreis / Honorary Lifetime Achievement – Jürgen Rose © Sylvain Guillot

Ein Lebensgesamtkunstwerk, das in keine Schublade passt. Fast sämtliche Gewerke hat dieser Künstler bedient, Bühne, Kostüme und Dramaturgie geschaffen für mehr als 300 Opern, Schauspiele, Ballette und Operetten, auch selbst Regie geführt. Sogar als Schauspieler trat er auf, in seinen Anfängen. Den Durchbruch erzielte er mit 25, mit Crankos Romeo und Julia in Stuttgart. Seinen Abschied nahm er mit Wagners Ring in Genf, mit 76. Stets traf er den Punkt, als Perfektionist im Team. Dafür wurde er geliebt, gefürchtet — und stilbildend für eine ganze Schülergeneration. Unzählige Bilder brennen für immer im Gedächtnis. Zum Beispiel: die bizarre Insektenwelt im Münchner Füchslein. Oder: das gefaltete, gekippte, trudelnde Haus des Daland in Bayreuth. Danke dafür, Jürgen Rose.

Lebens- und Ehrenpreis / Honorary Lifetime Achievement: Peter Konwitschny. © Simon Van Rompay

Lebens- und Ehrenpreis / Honorary Lifetime Achievement: Peter Konwitschny. © Simon Van Rompay

Als Sohn eines Dirigenten und einer Sängerin Regie zu studieren, zeugt von Durchsetzungskraft und Lust an Auseinandersetzung, aber auch von einer engen Bindung zur Musik. Geleitet von den Ideen Brechts, geprägt von Walter Felsenstein und Ruth Berghaus schlägt er, von Händel über Verdi und Wagner bis hin zu Werken des 20. Jahrhunderts, seit den 1980er-Jahren die Brücke zum Hier und Jetzt und zur Realität des Publikums. Mit seinen preisgekrönten Inszenierungen hat er neue interpretatorische Maßstäbe gesetzt. Auch die zeitgenössische Oper und die Operette gewinnen durch seine manchmal verstörende, manchmal schonungslose, immer genau durchdachte Lesart. Mittlerweile ist er auch Lehrender und Legende, aber immer noch voller Lust auf Theater: Peter Konwitschny.

© Michel Schnater. Waltraud Meier - LEBENS UND EHRENPREIS

© Michel Schnater. Waltraud Meier – LEBENS UND EHRENPREIS

Waltraud Meier ist die wohl berühmteste Wagner-Sängerin seit Birgit Nilsson — mit der sie nur eine einzige Rolle verbindet. Was immer sie indes gesungen hat — ob Kundry, Fricka, Ortrud, Sieglinde oder Isolde: Waltraud Meier hat es eindrücklicher gemacht als alle Zeitgenossinnen. Stark beeinflusst von Regisseuren wie Patrice Chéreau und Klaus Michael Grüber, verfügt sie über ein auf Wagner-Bühnen kaum je erlebtes Maß an Bühnenpräsenz und darstellerischer Plastizität. Im vergangenen Jahr hat sie — in der Rolle der Klytämnestra — ihre Bühnenlaufbahn beendet.

Unter den Meistern der Alten Musik ist er der entschiedenste und beste Operndirigent. Mit Erstaufnahmen von Werken Cestis und Cavallis sowie Katalogklassikern von Monteverdi bis Händel begann René Jacobs den Bereich der Barockopern systematisch zu vermessen, um sich danach konsequent auch späteren Epochen zuzuwenden. Über Beethoven kam er dabei längst hinaus — neuerdings bis zu Webers Freischütz. Ganz nebenbei gelang es ihm, zum wichtigsten Mozart-Operndirigenten der Gegenwart aufzurücken. Da ihn die Neugier nie verließ, hat er in dieser Spielzeit mit Il Giustino seine erste Vivaldi-Oper dirigiert, was er vorher stets abgelehnt hatte. Für dieses Gesamt-Œuvre, das noch lange nicht abgeschlossen ist, gibt’s den OPER! AWARD für sein Lebenswerk.

Kein Opernfan flippt heute noch aus wegen eines abgenagten Hühnerbeins. Die Zeit der Skandale ist vorbei. Doch was nach wie vor direkt ins Sonnengeflecht greift, das sind, wie zuletzt zu erleben beim Re-Staging von Mozarts Entführung in Wien, die zeitlos vitalen, aus dem Fluss der Musik gewonnenen und aus sinnlich-präziser Stoffanalyse heraus entwickelten Lesarten des Regisseurs Hans Neuenfels. Seit 1974 hat er fast 40 Opern ins Bild gesetzt, von Rameau über Wagner und Verdi bis Trojahn — jedes Stück nur einmal und nie wieder. Viele seiner Inszenierungen waren wegweisend, alle unverwechselbar.

Das Wunder der Edita Gruberová lag nicht nur begründet in der Strahlkraft und Brillanz ihrer frühen und mittleren Königin der Nacht. Es lag nicht nur an den fulminanten Tudor-Königinnen von Donizetti, denen sie eine ganz neue Relevanz innerhalb des Opern-Repertoires gab. Und es lag auch nicht nur an der Tatsache, dass sie noch mit über 60 Jahren ihre Technik auf eine völlig neue Basis stellte. Sondern dies Wunder bestand darin, dass sie — durch all diese Stationen hindurch — eigentlich immer besser wurde. Dadurch katapultierte sich Edita Gruberová selbst in den Rang einer der wenigen Jahrhundert-Sängerinnen ihrer Zeit.

Bester Entrepreneur / Bester Förderer

Bester Entrepreneur / Best Entrepreneur – Christof Loy, Los Paladines © Sylvain Guillot

Bester Entrepreneur / Best Entrepreneur – Christof Loy, Los Paladines © Sylvain Guillot

Ein deutscher Regisseur als Entrepreneur engagiert sich für spanisches immaterielles Kulturgut und gründet dazu seine eigene Compagnie Los Paladines. Das gab es noch nie. So sehr hat die spanische Form der Operette, die zugleich noch viel mehr und ganz anders ist als das, ihn begeistert. Er studierte die Sprache, die vielen traditionellen Tänze und die in Spanien sehr beliebten, unterschiedlichen Werke der Gattung. Er will die Zarzuela aus der lokalen Nische auf die internationalen Bühnen der Opernwelt bringen, weil sie es locker mit der Operette und der komischen Oper aufnehmen kann. Seit 2025 ist die Truppe mit Basis in Madrid in Mitteleuropa unterwegs, immer inszeniert der unerschrockene Aficionado, unser „Bester Entrepreneur“: Christof Loy.

OPER! AWARDS 2025 - François Duplat © Marin Driguez

OPER! AWARDS 2025 – François Duplat © Marin Driguez

Erst war es Zufall, dann Leidenschaft, schließlich Bekenntnis: So schaut der inzwischen 78-Jährige, in Straßburg Geborene, in München und Paris Lebende auf seine Kino-Laufbahn zurück. Sie führte ihn nach Deutschland, nach Hollywood und immer wieder zurück nach Paris, nach Aix, aber eben auch an die Mailänder Scala, nach Moskau und nach Berlin. Als Eigentümer von Bel Air Media und Bel Air Classiques ist er für einige der schönsten filmischen Opern- und Tanzproduktionen verantwortlich — als einer der letzten seiner Art. Und vor allem: Er zeichnet auch auf, wenn er keinen Auftrag hat, wie etwa das wachsende Gesamtwerk von Dmitri Tcherniakov. Der Geschäftsmann als Mäzen, das ist unser Förderer 2025: François Duplat.

© Michel Schnater. Mitglied der Stiftung der Royal Opera of Versailles, BESTER FÖRDERER, mit Kai Luehrs-Kaiser, Mitglied der Jury.

© Michel Schnater. Mitglied der Stiftung der Royal Opera of Versailles, BESTER FÖRDERER, mit Kai Luehrs-Kaiser, Mitglied der Jury.

„Wir machen es nicht, um Geld einzunehmen, sondern um Geld auszugeben.“ So erklärt es Laurent Brunner, General Manager und künstlerischer Direktor der Opéra Royal de Versailles. Damit hat die erst 2021 gegründete Stiftung die Aufmerksamkeit nicht nur der Opernwelt, sondern der Klassik insgesamt auf einen zentralen Schauplatz der Alten Musik zurückgelenkt, nachdem dieser lange Jahre eher als kommerzieller Touristen-Hotspot erschien: mit Musik an den Originalschauplätzen der Opéra Royal und der Chapelle Royale de Versailles. Chapeau!

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Preisträgerin Oksana Lyniv

OPER! AWARDS 2023, Juror Björn Woll mit Preisträgerin Oksana Lyniv

Sie ist die erste Frau, die bei den Bayreuther Festspielen dirigierte und die erste Dirigentin an der Spitze eines italienischen Opernorchesters: Oksana Lyniv ist damit längst zu einem Vorbild für eine junge Generation von hoffnungsvollen Dirigentinnen geworden. Ein Vorbild ist sie indes auch mit ihrem gesellschaftlichen Engagement im Angesicht von Putins grausamem Angriffskrieg auf ihr Heimatland: Unermüdlich setzt sich die Künstlerin nicht nur für junge Musiker und Musikerinnen aus der Ukraine ein, sondern versucht auch die ukrainische Kultur vor der russischen Usurpation zu retten. Mit ihrer Musik und ihrem Engagement trägt sie somit in besonderem Maße dazu bei, den Menschen in ihrer Heimat Hoffnung und Kraft zu geben.

Von Normalität im Opernbetrieb konnte 2020 keine Rede sein. Wann immer Werke in halbwegs originaler Besetzung und Länge zur Aufführung kommen konnten, war dies der engen Zusammenarbeit mit der Wissenschaft zu verdanken. Durch die unentgeltliche Zurverfügungstellung von Corona-Tests haben Unternehmen wie das Syntheselabor TIB MOLBIOL in Berlin oder die Biotech-Firma Centogene Unmögliches möglich gemacht: Trotz Pandemie konnten so selbst Großprojekte wie die Walküre-Produktion der Deutschen Oper Berlin oder die Konzert- und Aufnahmeaktivitäten der Cappella Aquileia bei den Heidenheimer Opernfestspielen stattfinden.

Was kann ein Einzelner schon bewirken? Sehr viel, muss man sagen, wenn man sich anschaut und vor allem anhört, was mit dem Stiftungsvermögen der umtriebigen Nicole Bru mittlerweile erreicht wurde. In einzigartiger Fülle graben die emsigen Mitarbeiter in den Archiven und befördern dabei stetig Werke mit Seltenheitswert ans Tageslicht, die dann in vorbildlichen CD-Editionen in Buchformat erscheinen. Derart viel Engagement ist selten geworden — und daher absolut preiswürdig.

Größtes Ärgernis

Noch vor Antritt des neuen Intendanten der Bühne Baden wurde diesem verkündet, dass sein Orchester, das letzte echte Operettenorchester Österreichs, aufgelöst wird. Seine Dienste im Jubiläumstheater und der Sommerarena sollen vom (im Musiktheater ungeübten) Tonkünstlerorchester Niederösterreich versehen werden. Öffentliche Proteste liefen ins Leere, die Politik bleibt stur. Damit wird die letzte originäre Operettenbühne ihres Rückgrats, ja ihrer musikalischen Seele beraubt. Jetzt bleibt in Österreich nur das Ferien-Orchester der Lehár-Festspiele Bad Ischl. Und ein Blick nach Deutschland, wo die Staatsoperette Dresden und die Musikalische Komödie Leipzig zeigen, wie Spezialbetriebe dieser Art florieren. Die Abschaffung des Operettenorchesters der Bühne Baden ist das „Ärgernis des Jahres“.

Bereits abgesagte Premieren in der laufenden Spielzeit, ein beschämender Eiertanz um die Finanzierung der längst laufenden Renovierung der Komischen Oper; dazu respektloser Umgang mit ihnen anvertrauten Institutionen; ja sogar das Anheizen scheinbar sozialer Gegensätze von Seiten des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) durch das Ausspielen der angeblich nicht an Oper interessierten „Supermarktkassiererin“ gegenüber dem angeblich reichen „Bildungsbürger“. Es ist traurig, in was für eine Negativlage die aktuelle — ausgerechnet — Schwarz-Rot-Regierung die Berliner Kultur gebracht hat. Dabei ist gerade diese eine der wenigen Pfründe, mit denen die an Attraktivität verlierende Hauptstadt wuchern kann. Deshalb ist das Ärgernis des Jahres: Berlin samt seinem hilflos rudernden Kultursenator Joe Chialo (CDU).

Musiktheater sind subventionierte Schutzräume, die auch mal über die Stränge schlagen dürfen. Die politisch unkorrekt sein können. Die Finger in Wunden legen. Die unbequeme Wahrheiten sagen sollen. Die nicht nur kommerziellen Leitlinien folgen müssen. Die überraschen. Warum also sind die Opernhäuser gegenwärtig vielerorts so bequem, so vorhersehbar, so brav, so mutlos? Ist es die immer noch schiefe Finanzsituation der Post-Corona-Krise? Ist uns die Streitkultur abhandengekommen, weil die Intoleranz steigt? Wo sind die Ukraine-Fahnen? Wo waren die für Israel? Unser Wunsch: Traut euch was! Traut euch mehr!

Wer in Krefeld in die Oper will, muss sich quer durch die Drogenszene kämpfen. Im Theaterparkhaus wird gedealt. Auf dem Theaterplatz leben die obdachlosen Suchtkranken der Stadt, mit allem, was dazu gehört: Gewalt, Verzweiflung, Zerstörung, Müll, Dreck, Tod. In der Sprache der kommunalen Ordnungsdienste heißt die Strategie dieser Drogenpolitik: „Bündelung“. Gemeint ist damit: „Ausgrenzen, abhaken“. Der öffentliche Hilferuf der 530 Mitarbeiter des Krefelder Dreisparten-Theaters im November blieb folgenlos. Bereits in den Lockdowns hatte sich die Kunstferne einer Politikergeneration manifestiert, die selbst nicht mehr ins Theater oder Kino geht, keine Live-Konzerte mehr hört und Kultur für eine Art austauschbare Weekend-Bespaßung hält. In Krefeld stinkt das jetzt zum Himmel.

Mit dem Kopf im Sand durch die Krise: Das war leider das Bild, dass viele Opernhäuser vor allem zu Beginn der Pandemie abgaben. Während künstlerische Antworten auf die Einschränkungen des Spielbetriebs von erstaunlicher Fantasielosigkeit, ja Dürftigkeit zeugten, gab der Umgang mit verdienstvollen Künstlern, aber auch anderen freiberuflich tätigen Protagonisten des Opernlebens einen Blick auf erschreckende Abgründe frei. Nicht wenige hochsubventionierte Häuser richteten sich bequem in der Opferrolle ein und forderten die Solidarität von Politik und Gesellschaft, die sie selbst gegenüber ihren verdienstvollsten Mitarbeitern nicht auch nur im Ansatz zeigten.

Zwei Dinge haben uns in der zurückliegenden Spielzeit gar nicht gefallen: Eine dringend notwendige Neupositionierung der Berliner Lindenoper wird um weitere sieben Jahren hinausgeschoben, weil der dann 82-jährige Daniel Barenboim auch nach jetzt 23 Dienstjahren nicht weichen wollte und man keine Alternative herangezogen hat. Und die Tatsache, dass man in Sippenhaft genommen wurde, die in ihrer Authentizität zweifelhaften, von Assistenten vorgenommenen Inszenierungen des mit Hausarrest belegten Kirill Serebrennikov als Opfer der Unrechtsjustiz des russischen Staates gutzuheißen.