Jury Talk / Round Table

2020 war ein schwieriges Jahr für alle – Oper und die weitere Kulturszene eingeschlossen. Nach der digitalen Preisverleihung der OPER! AWARDS kam die Jury zu einem Gespräch am runden Tisch zusammen und diskutierte was das Musiktheater umtreibt, welche Herausforderungen und Chancen bestehen, jetzt und in den kommenden ein, zwei Jahren (hoffentlich) nach Corona: von der Relevanz der Kunstform über Publikumsansprache bis zu Gagen und Gehältern der Opernschaffenden.

Interviews

Video-Interviews mit unseren Preisträgern:

Staatsoper Hannover

Innerhalb kürzester Zeit hat es die neue Intendantin Laura Berman geschafft, die Staatsoper Hannover als interessantestes Haus auf der musikalischen Landkarte zu positionieren. Nicht, dass der stolze Lavesbau und sein künstlerisches Innenleben jemals gänzlich verschwunden gewesen wären. Aber ohne persönliche Eitelkeiten macht Berman Theater für die Stadt, setzt dabei nicht auf vermeintlich große Namen, sondern auf Qualität in der Stückauswahl sowie bei den Regisseuren und Regisseurinnen. Wenn dann auch die musikalische Qualität regelmäßig dermaßen überzeugt wie z.B. bei der Eröffnungspremiere mit Halévys La Juive, ist auch das überregionale Interesse geweckt.

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Anita Rachvelishvili

Anita Rachvelishvili, die georgische Mezzosopranistin, besitzt und beherrscht eine der größten Opernstimmen seit Jahrzehnten. So überwältigend dimensioniert, dass sie bei ihrer ersten CD hinter dem Orchester stand, um nicht alles zu übertönen. Rachvelishvili versteht es, diese Stimme ganz klein zu machen und den feinsten Noten nachzuspüren. Sie bekennt sich zur alten Schule, getreu dem Satz: „There is no school but old school“. Sie ist die wohl wichtigste Carmen seit Grace Bumbry und Agnes Baltsa. Und die beste Amneris seit Fedora Barbieri. Sie hat den Opern-Mezzo wieder groß gemacht.

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Benjamin Bernheim

Benjamin Bernheim ist Franzose, in der Schweiz aufgewachsen und ausgebildet, im Zürcher Opernensemble gereift. Dann durfte er sich in Salzburg in kleineren Tenor-Rollen profilieren, seit knapp zwei Jahren startet der Mitdreißiger international durch. Im französischen Fach ist er formidabel. Dafür ist diese höhenstarke lyrische Stimme prädestiniert. Durch die sensible Sprachbehandlung wie durch ihre metallische Durchschlagskraft und eine technisch feine voix mixte. So singt er gegenwärtig besonders den Gounod-Faust (den er berückend schön für die Aufnahme beim Label der Stiftung Palazzetto Bru Zane in der Urfassung eingespielt hat) und Massenets Des Grieux als stilvolle Offenbarung.

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Oksana Lyniv

Ihr Arbeitspensum bis zur ersten Schließung der Theater im Frühjahr war beachtlich: Oksana Lyniv bereitete als scheidende Generalmusikdirektorin in Graz Weinbergs Passagierin vor, debütierte an der Berliner Staatsoper mit Cherubinis Medea und leitete die außergewöhnlich fein durchleuchtete Bartók-Doppelpremiere an der Bayerischen Staatsoper. Schonungslos bis einfühlsam und dadurch packend gestaltete sie mit dem Bayerischen Staatsorchester die von Traurigkeit und Unergründlichkeit geprägte Musik des ungarischen Komponisten. Ernsthaft, energisch und exakt arbeitet diese herausragende Dirigentin.

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Tobias Kratzer

Das braucht das Musiktheater dringend: cleveres, kluges Deutungs-Entertainment. Tobias Kratzer samt Team für Bühnenbild und Kostüme erfüllt dieses Desiderat ganz wunderbar, weil er fleißig ist, originell, bühnenpraktisch und immer für eine Überraschung gut. Weil er sein Handwerk kennt und kann, aber trotzdem ein Kind von heute und kein Primadonnen-Nerd ist. So bekommt die gute alte Oper ein schickes neues Kleid, in dem sie würdevoll aussieht, das aber etwas zu bedeuten hat. Auf der Höhe der Zeit, mit unseren Themen und einer Visualisierung von heute. Ob in Frankfurt mit Verdis Macht des Schicksals, in Bayreuth mit Tannhäuser, in Lyon in Wilhelm Tell oder im Londoner Fidelio.

Wiener Philharmoniker

31 abgesagte Konzerte seit April 2020, keine Opernvorstellungen mehr, und dann am 1. August ein Wiederhören mit großem Knall und Modellcharakter: Elektra-Premiere bei den Salzburger Festspielen unter Franz Welser-Möst. Was für eine Kraft, was für ein Signal für die geknebelte Opernwelt! Konsequent getestete Musiker erkämpfen sich als eigenes Kollektiv ihr Spielrecht ohne Sicherheitsabstände. Hier ging es spürbar um alles. Einen Abend später legten sie noch einmal nach mit der ebenfalls grandiosen Produktion von Mozarts Così fan tutte unter Joana Mallwitz.

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Chor der Oper Köln

Eine Oper im Ausweichquartier fordert Flexibilität und Kreativität von allen Mitarbeitenden, und an der Oper Köln hat sich in dieser außergewöhnlichen Spielzeit besonders der Opernchor in den sich ständig verändernden räumlichen und akustischen Bedingungen der Ersatzspielstätte Staatenhaus durch konstant hohes musikalisches Niveau hervorgetan. In Verdis Trovatore lediglich aus dem Off zu glänzen, ist eine besondere Leistung, ebenso wie sich in Brett Deans Hamlet in aufgesplitterten Gruppen ständig über die Bühne zu bewegen. Der Chor der Oper Köln hat Vielseitigkeit und starke Präsenz bewiesen.

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Macbeth Underworld – Théâtre de la Monnaie

In Brüssel überraschte Pascal Dusapin am Théâtre de la Monnaie mit seiner Shakespeare-Paraphrase Macbeth Underworld. Den kurzen, intensiven Abend hat der Regisseur Thomas Jolly in Geäst und Dunkelheit getaucht, von hart-weißen Diskolichtern durchzuckt. Schick sieht das aus, und mit einer Portion Musical-Ironie würzen Jolly wie Dusapin diesen schottischen Operntanz der Vampire. Mr. wie Mrs. Macbeth, die wunderbaren Charaktervokalkomikertragöden Georg Nigl und Magdalena Kožená, schlurfen als Mördergespenster durch die Szene. Das ist so komisch grotesk wie tragisch burlesk. Wie Dusapins eklektisch anmutende Partitur, die Alain Altinoglu zart dirigierpinselt.

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Les Indes galantes – Opéra national de Paris

Jean-Philippe Rameaus barocke Revue Les Indes galantes verwandelte der bildende Künstler und Filmregisseur Clément Cogitore an der Opéra Bastille in ein mitreißendes Fest des Lebens. Er zeigt stilisierte Vignetten aus einer multikulturellen Metropole des 21. Jahrhunderts – eben Paris. Während die famose Choreografin Bintou Dembélé Tänzer, Rapper, Hip-Hopper auf Körpertouren bringt. Barock und Banlieue gehen eine unwiderstehliche Mischung ein. Großen Anteil an der zeitgenössischen Musiktanzshow zu Gavotten und Menuetten hat Leonardo García Alarcón am Pult seiner Cappella Mediterranea. Und wunderbar gesungen wird außerdem.

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Ersan Mondtag

Mit einem so schwierigen Werk wie Franz Schrekers Der Schmied von Gent als Opernregisseur zu debütieren, zeugt entweder von totaler Furchtlosigkeit, unglaublicher Naivität oder von überragendem Selbstvertrauen, womöglich von allem zusammen. Das Ergebnis war ein atemberaubender Bilderreigen im selbst entworfenen Bühnenbild, das sowohl kunstgeschichtlich-pittoreske Anleihen bei touristischen Flandern-Klischees machte als auch die Schrecken des Kolonialismus in einem wilden Taumel auf die Bühne der Flämischen Oper Antwerpen/Gent brachte und das Werk von dem Vorurteil befreite, ein unbedeutendes Spätwerk des Komponisten zu sein.

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Josa Marx

Die knallbunte Bilderwelt des Regisseurs Ersan Mondtag für Franz Schrekers Der Schmied von Gent hätte nur halb so gut funktioniert, hätte nicht Josa Marx die ebenso fantasievollen Kostüme beigesteuert. Auch hier mischten sich eine geradezu kindliche Freude an Farbe und Form mit dem Schrecken niederländischer Malerei von Hieronymus Bosch bis Pieter Bruegel. Anspielungsreiche Zitate bis in die Gegenwart hat Josa Marx zu einer unverwechselbaren eigenen Handschrift kombiniert und damit die hinreißend verschachtelte Drehbühnenstadt Mondtags kongenial belebt.

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Piotr Beczała: Vincerò!

Was für eine Stimme! Mit seinem Album Vincerò! meldet Piotr Beczała, der „Beste Sänger“ der OPER! AWARDS im letzten Jahr, wieder einmal seinen Anspruch auf den aktuellen Tenor-Thron an. Aufregend klingt seine Höhe, die in den letzten Jahren noch freier, noch sicherer wurde; hinzu kommt eine schön funkelnde Träne in den richtigen Momenten. Statt mit emotionalem Hochdruck glänzt er in diesem veristischen Repertoire mit einer modellhaften Stimmtechnik und wohldosiertem Ausdruck. Das Album ist ein weiterer, gelungener Schritt in dramatische Gefilde in dieser so klug gestalteten Karriere.

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Hector Berlioz: Benvenuto Cellini

Ein Höhepunkt des abgelaufenen Berlioz-Jahres 2019: die Benvenuto Cellini-Aufnahme von John Eliot Gardiner nun als DVD-Konzertmitschnitt im Kostüm aus der Opéra de Versailles. Mit einem beschwingten Sir John am Pult des farbensatt säuselnden wie trötenden Orchestre Revolutionnaire et Romantique und einem agil witzigen Monteverdi Choir. Alle haben Lust, alle sind bestens besetzt, und so ist es ein Vergnügen, Berlioz‘ buntester, frivolster, facettenreichster Künstler-Oper direkt aus dem römischen Renaissanceleben zuzuhören. Die Vokalkirsche auf dem tönenden Kuchen: Michael Spyres singt den Benvenuto höhentrittsicher charmant, mit gut gelagertem baritonalen Tenor. Ein Opern-Muss!

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Bruno de Sá

Der Brasilianer Bruno de Sá könnte als erster männlicher Sopran eine Weltkarriere machen. In der Rolle der kleinen Meerjungfrau in der Basler Uraufführung von Andersens Erzählungen, außerdem als Barbarina in Le nozze di Figaro sorgte er für Furore. Seine Mitwirkung in Bononcinis Polifemo auf CD lässt gleichfalls aufhorchen. Ein Solo-Plattenvertrag ließ nicht lange auf sich warten. Die weiche, noch in den höchsten Regionen warme Stimme zeigt wenig Neigung zu einseitigem Brillantfeuerwerk. Hier ist ein überaus versierter, höchst seriöser Sänger als Pionier am Werk.

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Lanzelot – Nationaltheater Weimar & Theater Erfurt

Dieser Drache ist ein dolles Drama: Weimar und Erfurt haben erstmals seit 1971 mit Peter Konwitschnys plakativ-schnittiger Regiehilfe Paul Dessaus und Heiner Müllers böse Politoper Lanzelot revitalisiert. Das Land wird von einem Drachen bedroht, dem jedes Jahr eine Jungfrau geopfert werden muss. Als Ritter Lanzelot auftaucht, will kaum einer so richtig etwas von ihm wissen. Die Nomenklatura hat sich gut mit dem Übel eingerichtet: 1969 hatte das schräge, treffsichere Stück an der Staatsoper Berlin Premiere. Die offizielle DDR dachte zunächst, mit dem Drachen sei der Westen gemeint und jubelte über diese „sozialistische Revolutionsoper von der Selbstbefreiung der Menschheit“.

Salzburger Festspiele

Kunst sei „ein Himmelskörper für sich“, so der Gründungsvater Max Reinhardt – aber einer, der „sein Licht von der Welt der Wirklichkeit“ bezieht. Mit der Wirklichkeit der Corona-Pandemie konfrontiert, bauten die Salzburger Festspiele dieses Motto in diesem Jahr aus. Sie erklärten Kunst zum „Lebensmittel und Lebenssinn“. Schoben die Entscheidung zur Absage auf bis zum letztmöglichen Probenbeginn. Investierten dann alles in die Möglichmachung. Die 30 Kurz-Festspiel-Tage in Salzburg wurden so zum Glücksfanal und zu einem Lichtbringer für den gesamten Kulturbetrieb: Da geht noch was, trotz alledem!

Junge Opern Rhein-Ruhr

Seit 2013 vergeben die Opernhäuser von Dortmund, Bonn und Düsseldorf gemeinsam Kompositionsaufträge für Familienopern. So entstanden schon Ronja Räubertochter sowie Geisterritter. Und mit Nils Karlsson Däumling gab es diese Spielzeit auch eine mobile Oper für Kindergärten. Die Uraufführung der Märchenoper Die Kinder des Sultans war für April in Dortmund geplant. Mit unbändiger kreativer Energie haben die Jungen Opern Rhein-Ruhr stattdessen digitale Ferien und Filmprojekte angeboten, die kreative Pause für Grundschüler entwickelt und Jugendliche zu Opernkomponisten gemacht. Vorbildlich!

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Hans Neuenfels

Kein Opernfan flippt heute noch aus wegen eines abgenagten Hühnerbeins. Die Zeit der Skandale ist vorbei. Doch was nach wie vor direkt ins Sonnengeflecht greift, das sind, wie zuletzt zu erleben beim Re-Staging von Mozarts Entführung in Wien, die zeitlos vitalen, aus dem Fluss der Musik gewonnenen und aus sinnlich-präziser Stoffanalyse heraus entwickelten Lesarten des Regisseurs Hans Neuenfels. Seit 1974 hat er fast 40 Opern ins Bild gesetzt, von Rameau über Wagner und Verdi bis Trojahn – jedes Stück nur einmal und nie wieder. Viele seiner Inszenierungen waren wegweisend, alle unverwechselbar.

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Musik-unterstützende Labore

Von Normalität im Opernbetrieb konnte 2020 keine Rede sein. Wann immer Werke in (halbwegs) originaler Besetzung und Länge zur Aufführung kommen konnten, war dies der engen Zusammenarbeit mit der Wissenschaft zu verdanken. Durch die unentgeltliche Zurverfügungstellung von Corona-Tests haben Unternehmen wie das Syntheselabor TIB MOLBIOL in Berlin oder die Biotech-Firma Centogene Unmögliches möglich gemacht: Trotz Pandemie konnten so selbst Großprojekte wie die Walküre-Produktion der Deutschen Oper Berlin oder die Konzert- und Aufnahmeaktivitäten der Cappella Aquileia bei den Heidenheimer Opernfestspielen stattfinden.

Fantasielosigkeit und passive Opferhaltung der Opernhäuser in der Pandemie

Mit dem Kopf im Sand durch die Krise: Das war leider das Bild, dass viele Opernhäuser vor allem zu Beginn der Pandemie abgaben. Während künstlerische Antworten auf die Einschränkungen des Spielbetriebs von erstaunlicher Fantasielosigkeit, ja Dürftigkeit zeugten, gab der Umgang mit verdienstvollen Künstlern, aber auch anderen freiberuflich tätigen Protagonisten des Opernlebens einen Blick auf erschreckende Abgründe frei. Nicht wenige hochsubventionierte Häuser richteten sich bequem in der Opferrolle ein und forderten die Solidarität von Politik und Gesellschaft, die sie selbst gegenüber ihren verdienstvollsten Mitarbeitern nicht auch nur im Ansatz zeigten.

Programm

Alle Preisträger finden Sie in unserem Programmheft: